Schulübung “Ampel-Selektion” weckt unheimliche Erinnerungen

Mit den politisch Roten, Grünen, Gelben hat das nichts zu tun, sondern mit nur einem grünen Punkt, oder mathematisch präziser: mit einer kleinen grünen Kreisfläche. Und mit dem Weiterdenken und dem kollektiven Rückerinnern, was einmal war und nun wieder kommt, aber anders. Hans-Jürgen Bandelt über einen verstörenden Schulversuch in Coronazeiten.

Das Carolinum-Gymnasium in Mecklenburg testet und vergibt Punkte.
Prof. Dr. Hans-Jürgen Bandelt, Universität Hamburg, Fachbereich Mathematik: Wo soll das enden?

Das deutsche Magazin Focus berichtete am Mittwoch, den 12. Mai 2020 um 11:58 Uhr:

[Das Gymnasium Carolinum in Neustrelitz in Mecklenburg-Vorpommern]  „führt zweimal die Woche Corona-Tests durch. Die Schüler nehmen selbst einen Abstrich. […] Wer nachweislich nicht infiziert ist, erhält ein Namensschild mit einem kleinen grünen Punkt und damit die Erlaubnis, sich frei im Gymnasium zu bewegen.“ (https://www.focus.de/familie/eltern/gymnasium-in-mecklenburg-vorpommern-ein-gruener-punkt-bedeutet-nicht-infiziert-schule-testet-jeden-auf-corona_id_11983642.html)

Schüler testen Schüler.

Die mit dem grünen Punkt nehmen dann in der Schule die Fast Lane, so wie die Premium Class auf dem Flughafen. Das ließe sich konsequent weiterspinnen und wäre mit der Ampel noch ausbaufähig: Wer infiziert ist, bekäme stattdessen ein rotes Quadrat. Und wer dauerhaft testunwillig ist, trüge ein gelbes Dreieck. Die mit dem roten Quadrat müßten dann in Quarantäne (2 Wochen Selbstinhaftierung mit elektronischer Fußfessel) und die mit dem gelben Dreieck in die Seuchenbaracke zum irregulären Unterricht, wo sie von Lehrkräften mit Sonderzulage in Schutzanzügen unterwiesen würden.

Wohl angesichts des Kabinettbeschlusses der deutschen Bundesregierung zum „Entwurf eines Zweiten Gesetzes zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite“, das auf Seite 21 einen faktischen Impfzwang im Angebot trug, war eine Firma bereits vorgeprescht, wie die Jüdische Allgemeine berichtete: „Ein online angebotenes T-Shirt-Design mit einem gelben Stern und der Aufschrift »nicht geimpft« hat Empörung ausgelöst – nun beschäftigt der Fall Polizei und Staatsanwaltschaft in Leipzig. Der polizeiliche Staatsschutz habe am Montag eine Anzeige von Amts wegen erstattet, sagte ein Sprecher der Polizei.“ (https://www.juedische-allgemeine.de/politik/empoerung-ueber-t-shirt-design-staatsschutz-erstattet-anzeige/). Natürlich war das Fehlgriff wie Fehlentscheidung, das eine wie das andere, da hätte unser Komiker (oder Satiriker?) Florian Schroeder sich gar nicht in einem Kommentar zum Link auskotzen müssen. Ein rein gelbes Dreieck wäre hingegen wohl noch geschichtlich unbefleckt, denn Form und Farbe machen, ob etwas historisch Gift ist (https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/e1/Bundesarchiv_Bild_146-1993-051-07%2C_Tafel_mit_KZ-Kennzeichen_%28Winkel%29.jpg).

Die Firma wollte unbeholfen mit Gewinnabsicht nur klarmachen, wir sind wieder da, wo wir schon mal waren, nur anders: Die Opfer sind nun die Impfgegner bzw. Testverweigerer. Natürlich ist alles nur eine Übung wie Defender: Non scholae sed vitam discimus. Alles Trockenübung: In Mecklenburg-Vorpommern gibt es grad keine mit SARS-CoV-2 Neuinfizierten mehr. Aber die eventuell drohende zweite Welle dräut aus dem Robert-Koch-Institut (https://www.n-tv.de/panorama/Rollt-die-zweite-Corona-Welle-auf-uns-zu-article21781815.html?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE). Die Schüler sollen halt frohgemuth und entschlossen sein, wenn es mal zur völlig freiwilligen Impfung gegen COVID-19 kommt, so es denn überhaupt einen Impfstoff geben wird. Die Verweigerer müßten dann allerdings Maske tragen, was ja nun last minute gegen Ende der Epidemie bereits als Feuchtübung hinreichend trainiert wurde.

Schulleiter Henry Tesch, ehemaliger Bildungsminister, CDU

Und außerdem meinte es der Schulleiter Henry Tesch, der nicht irgendwer ist, sondern ein landesweit bekannter ehemaliger CDU-Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur in Mecklenburg-Vorpommern, nur gut mit den Schülern, die doch jetzt solidarisch zu vielen in der Klasse wieder lernen wollen dürfen.

Der ideologische Schaden ist allerdings immens. Hoffentlich wird diese Lektion in der Schweiz und Österreich gelernt, bevor man sich dort entschließt, sich freiwillig anzuschließen: Am deutschen Unwesen soll die Welt niemals mehr genesen.

Hans-Jürgen Bandelt

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