8. September 2026

So funktioniert Journalismus nicht – Medienvertretern fehlt die Sachkompetenz

Matthias Burchardt ist Akademischer Rat am Institut für Bildungsphilosophie an der Universität zu Köln und stellvertretender Geschäftsführer der Gesellschaft für Bildung und Wissen. Er ist entschiedener Kritiker der Bildungsreformen im Namen von PISA und Bologna. Im folgenden Artikel demontiert er den Mythos des digital gesteuerten Fernunterrichts.

Matthias Burchardt: Ressentiments werden geschürt.

Die digitale Fernbeschulung ist ein gewaltiger Reinfall. Wer ist an allem schuld? Die faulen Lehrer mit ihren Berührungsängsten und ihrem Unvermögen, digitale Plattformen zu bedienen. So zumindest sehen es viele Kommentatoren und bedienen damit die üblichen Ressentiments gegen Lehrkräfte. Wer Lehrer-Bashing betreibt, kann stets mit Beifall rechnen, ohne sich die Mühe machen zu müssen, einen Sachverhalt wirklich zu durchdringen. Nach eigener Erfahrung als Vater fernbeschulter Kinder und Erziehungswissenschaftler an der Universität muss ich entschieden widersprechen:

  1. Digitale Plattformen sind – insbesondere diejenigen, welche eigentlich zunächst in Unternehmen als Tools im Projektmanagement dienen sollten, wie etwa Microsoft Teams – völlig ungeeignet, pädagogischen Mehrwert zu generieren.
  2. Mit der Zustellung von Arbeitsblättern und deren anschließender Kontrolle geschieht noch keine Pädagogik. Entscheidend ist doch, was zwischendurch im Unterricht stattfinden müsste: didaktische Sacherschließung, Lehren und Lernen, Erklären, Üben und Verstehen, Einbettung der fachlichen Fragen in die persönlichen Beziehungen der Menschen und in den Kontext der gemeinsamen Lern-Geschichte.
  3. Online-Aufträge – verkappte Arbeitsblattitis.

    Stattdessen findet digitales Boulevard-Theater statt: Lehrkräfte haben ein schlechtes Gewissen und füllen die Aufgabenslots der Schüler. Schüler geraten in eine Erlediger-Mentalität: Hauptsache, das Aufgabenblatt geht fristgerecht zurück, ob man dabei etwas lernt, ist nachrangig. Eltern verzweifeln, weil sie neben der eigenen Lebensbewältigung plötzlich die Taktungen der Fernbeschulung zum Organisationsprinzip der Familie machen sollen. Wenn sich die Kinder dann als wenig maschinengängig erweisen, wird entweder kapituliert, das Kind drangsaliert oder das Arbeitsblatt elternseits ausgefüllt. Schließlich geht es ja nur um Theater.

  4. Ja, Theater! Eine kollektive Illusion, die verschleiert, dass digitale Fernbeschulung kein Ersatz für, sondern das Gegenteil von schulischer Bildung ist. Wenn jetzt die Digitalisierungsjournaille fordert, die Schauspieler besser zu coachen und mehr Geld für Requisiten auszugeben, mag der schöne Schein das triste Sein trotzdem nicht zu überstrahlen!
  5. Gefragt ist ein realer Dialog unter pädagogischer Führung durch die Lehrkraft.

    Schule und guter Präsenzunterricht sind unersetzbar! Digitale Plattformen sind prinzipiell ungeeignet, Lehren, Lernen und Bildung in einem humanistischen (und sogar in einem funktionalistischen) Sinne zu ermöglichen. Sie suspendieren das essentielle Element und Fundament jeglicher Pädagogik: Die reale Beziehung zwischen Lehrperson und jungen Menschen in geteilter Zuwendung zu einer mehr oder minder anspruchsvollen Sache. Relevanz gewinnt diese Sache nicht durch selbstgesteuerte Arbeitsblattausfüllung oder infantile Lernsoftware, sondern nur im realen Dialog unter pädagogischer Führung durch die Lehrkraft, die sich auf das Thema und die Kunst des Unterrichtens versteht.

  6. Es ist ausgesprochen zynisch, wie die Digitalisierungslobby die Sorge der Menschen in den Zeiten der Pandemie ausbeutet, um ihre düstere Agenda im Bildungswesen durchzudrücken.
  7. Das Wesen der kostbaren kulturellen Errungenschaften zeigt sich mitunter erst in ihrem fehlen. Schule, Unterricht und gebildete Lehrkräfte sind das Rückgrat des Gemeinwesens: Sie gewährleisten das Gedeihen von Wirtschaft, Wissenschaft, Demokratie und Kultur. Es käme uns in jeder Hinsicht teuer zu stehen, wenn wir all das aufgeben würden zugunsten einer digitalen Scheinwelt. Die nächsten Monate werden zeigen, dass unser Essen nicht im Internet wächst, dass Surfen am Bildschirm keine Reise ans Meer oder YouPorn nicht den Zauber eines maskenlosen Antlitzes ersetzen kann, dass unsere fernen Facebook-Freunde uns nicht in den Arm nehmen können und dass es Wirtschafts- und Kulturzweige gibt, die der Realität bedürfen.
  8. Das Virus und vielleicht mehr noch die Folgen der Maßnahmen zu seiner «Bekämpfung» werden die nächste Generation vor erhebliche Aufgaben stellen. Digitales Schmierentheater könnte nicht ausreichen, um sie auf dieses harte Leben vorzubereiten.
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