20. März 2026

Eine weitere Variante von SOL: Das «selbstbestimmte» Lernen

Rede und Gegenrede, so hält es die Redaktion des Condorcet-Blogs. Der Artikel von Professor Walter Herzog «Eine Chance für das selbstorganisierte Lernen» (25. März) sorgte für Verwunderung, Zustimmung und heftige Kritik. Felix Schmutz reagierte mit einer Gegenrede «Pädagogik und Bodenhaftung» (4. April), was wiederum Walter Herzog zu einer Replik veranlasste («Das Lernen als Aspekt der menschlichen Selbstbestimmung», 9. April). Dazwischen gab es kontroverse Kommentare und eine pointierte Stellungnahme von Alain Pichard. Mit einer kurzen weiteren Antwort von Felix Schmutz, die Sie hier lesen können, beenden wir nun diesen Diskurs. Die Redaktion des Condorcet-Blogs ist überzeugt, dass die genaue und zugegebenermassen anspruchsvolle Lektüre dieser Texte zu einem erheblichen Erkenntnisgewinn der Materie beitragen kann.

Felix Schmutz, Baselland: Doktrinäre Anwendung

Herr Herzog hat in auf meine Kritik an seinen Ausführungen zu SOL und zum Bulimielernen sehr ausführlich reagiert. Ich möchte in aller Kürze drei Punkte aufgreifen:

  1. Die Metaphern «Selbstregulierung», «Selbststeuerung» werden im Zusammenhang mit Lehrmethoden nicht so differenziert betrachtet, wie Herzog dies mit Berufung auf Bischof, Maturana und Weinert tut. Den Rückgriff auf Kybernetik (Selbstregulation) und biochemische, genetisch bestimmte Abläufe in Organismen (Selbststeuerung, Autopoiese) halte ich nach wie vor für ungeschickt. Der Vorgang des Lernens ist ein komplexer kognitiv-seelischer Vorgang. Einmal unterliegt er der eigenen Verfügbarkeit (dem eigenen Willen, dem Interesse), dann hängt er von willensunabhängigen neuronalen Faktoren ab (Abstraktionsfähigkeit, Reife, Reorganisation im Schlaf, Gedächtnis), ferner unterliegt er der psychischen Verfassung (Charaktereigenschaften, Stimmung, Emotionen) und äusseren Bedingungen (z.B. Fremdmotivation, didaktische Aufbereitung, soziale Herkunft). Die Begriffe Steuerung, Regulierung, Selbstbestimmung wecken die Vorstellung, dass das ganze Lernen in die individuelle Verfügbarkeit gestellt werden kann. Warum nicht einfach bescheiden «selbstständiges Lernen» als Begriff und als Ziel wählen, das im Übrigen mit unterschiedlichen Methoden erreicht werden kann? SOL wird hauptsächlich als doktrinäre Lehrmethode verstanden mit starren Dos und Don’ts. Es ist deshalb eher verwirrend, wenn das Ziel «selbstständiges Lernen» mit einem Begriff aus der Methodenlehre bezeichnet wird.

    Es geht mir um das Doktrinäre.

  2. Walter Herzog, emer. Professor für Pädagogische Psychologie Bern: Auf die Kernthesen nicht eingegangen.

    Ich bin kein Gegner des Konstruktivismus. Auch hier geht es mir um das Doktrinäre, das ich ablehne. Dass alle Lernenden sich Wissen und Fähigkeiten selbst aneignen müssen, bestreite ich überhaupt nicht. Wenn jedoch Konstruktivismus meint, dass jedes Kind das Rad bzw. die ganze Mathematik neu erfinden muss, weil es von Lehrpersonen angeblich nichts lernen kann, sondern alles selbst herausfinden muss, halte ich das allerdings für falsch.

 

  1. Ich weiss, dass Herr Herzog den Begriff Bulimielernen nicht erfunden hat und glaube gerne, dass das Wort u.a. bei Wikipedia erklärt wird. Ich finde es nur schade, wenn solche zweifelhaften Behauptungen unkritisch übernommen werden, um Schule zu kritisieren.

Wie funktioniert das mit der Kommasetzung?

Vielleicht wäre es von Vorteil, die hohe theoretische Debatte zu verlassen und SOL im Verständnis von Herrn Herzog einmal an einem konkreten Beispiel zu erläutern. Nehmen wir an, man soll im 7./8. Schuljahr die Kommasetzung im Deutschen durchnehmen. Wie würde sich Herr Herzog den Unterricht selbstgesteuert vorstellen? Das ist eigentlich, was mich interessieren würde. Und das ist, was ich mit Bodenhaftung meinte.

 

image_pdfAls PDF herunterladen

Verwandte Artikel

Ein Mathematiker und Menschenfreund

Professor Walter Krämer ist Ökonom und war bis zu seiner Emeritierung 2018 Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik an der Technischen Universität Dortmund. Einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde er durch populärwissenschaftliche Literatur zur Statistik und als Verfechter der deutschen Sprache. In seinem Beitrag erklärt uns Professor Krämer eine der grossen Entdeckungen des Mathematikers und Philosophen Jean Marie de Condorcet: das nach ihm benannte Paradoxon.

«Ein Kind, das alles ohne Gegenleistung bekommt, wird nicht gestärkt»

Die Zahlen, die das Bundesamt für Statistik (BFS) diese Woche veröffentlicht hat, geben zu denken: Psychische Störungen waren die häufigste Ursache für eine Hospitalisierung bei den 10- bis 24-Jährigen (knapp 20’000 Fälle). Vor allem der Anstieg von 26 Prozent bei den Mädchen und jungen Frauen nannte das BFS «beispiellos» (der Anstieg bei den gleichaltrigen Männern betrug 6 Prozent). Die SonntagsZeitung führte ein Interview mit der Psychologin und Heilpädagogin Eliane Perret, die mehr als 30 Jahre lang an einer Schule für Kinder und Jugendliche mit Verhaltensauffälligkeiten unterrichtete. Eliane Perret ist auch in unserem Blog keine Unbekannte. Zusammen mit dem Heilpädagogen und Condorcet-Autor Riccardo Bonfranchi hat sie vor kurzem ein Buch zum Thema Integration geschrieben (https://condorcet.ch/2022/11/welche-bildungschancen-haben-kinder-und-jugendliche-mit-behinderungen/).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert