9. Dezember 2019

Muss Schule immer Spass machen?

Die Condorcet-Redaktion freut sich, heute den ersten Beitrag von Mario Andreotti veröffentlichen zu dürfen. Der studierte Germanist aus der Ostschweiz verbindet beissende Sprach- und Bildungskritik, stilistische Eleganz und vor allem relevante Themen in Kolumnen und Sachbüchern. Heute in einem Text für den Condorcet-Blog.

Schule muss Spass machen Bild: AdobeStock
Mario Andreotti, Germanist, Kolumnist und Autor

Was Erziehung und Bildung heute wesentlich beeinträchtigt, sind die Scheinwelten, in denen Kinder und Jugendliche häufig aufwachsen. Konsumtempel, Freizeitindustrie und vor allem die Medien prägen die Lebenswelt der Heranwachsenden so stark, dass sie mit den Notwendigkeiten realen Lebens oft kaum mehr zurechtkommen. Schule und Lernen erscheinen dann als lästige Unterbrechung einer fortgesetzten Unterhaltungskultur und müssen daher mindestens genauso viel Spass machen. Dazu kommt eine geistige Verunsicherung, die das Bildungswesen zunehmend bestimmt und es widerstandslos macht gegen die nun einsetzenden Rezepte der Radikalreformer. Vermeintliche Mängel, verbunden mit einer gewissen Orientierungslosigkeit, innerhalb der schulischen Institutionen machen viele empfänglich für ihre neuen Heilsversprechen. Wenn ohnehin fast niemand mehr weiss, worum es bei der Bildung eigentlich geht, lauscht man den Schalmaientönen der Reformer umso begieriger.

Vorsicht vor Radikalreformern

Solche Radikalreformer treten zurzeit mit geradezu missionarischem Eifer auf. Sie verkünden, die heutige Schule mit ihrer Vorstellung, dass alle Kinder zur gleichen Zeit das Gleiche lernen, sei veraltet, eine Revolution der Schule sei dringend: Nicht mehr die Lehrer, sondern die Schüler sollen künftig bestimmen, was sie wann lernen wollen. Stundenpläne würden verschwinden. Jedes Kind lege zu Beginn der Woche selber fest, was es lernen möchte. Vielleicht will es mit Hilfe eines Computerprogramms Englischvokabeln üben, vielleicht aber auch nur einige Stunden mit seinem Smartphone verbringen. Eine Lehrperson, welche die Klasse führt und Lernziele setzt, gibt es nicht mehr; sie ist höchstens noch Lerncoach und hat als solche die Aufgabe, die Schüler individuell zu beraten und zu motivieren. Es ist ein Lernen nach dem Lustprinzip, in der Fachwelt «intrinsisches Lernen» genannt.

Wenn da die Wirklichkeit nicht wäre …

Das alles hört sich zunächst verlockend an. Denn wer möchte nicht selber bestimmen, was er wann und wie lernen will. Doch die schulische Realität ist eine andere. Die Vorstellung, Schüler würden immer aus eigenem Antrieb lernen, könnten sich eigenständig Lernziele setzen, erfordert eine Autonomie, über die Kinder noch gar nicht verfügen. Wie sollen Volksschüler selbständig entscheiden, was sie in der Mathematik lernen wollen und was nicht? Sie fühlen sich allein gelassen, was Überforderung und Stress auslöst. Mit Spass oder Lust hat das dann nichts mehr zu tun.

Was bei den Radikalreformern auffällt, sind ihre dreisten Behauptungen, ohne dass sie durch Studien belegt sind.

Dazu kommt ein weiteres: Erziehung und Bildung bedeuten wesentlich Führung, liebevolle, aber klare Anleitung. Wo jedoch, wie beim selbstorganisierten Lernen, Lehrpersonen zu reinen Coaches herabgestuft werden, da leidet der persönliche Bezug von Lehrer und Schüler, da bleibt auch der Lernerfolg weitgehend aus. Der Versuch, den Lehrer durch Computer, Internet und Lernsoftware mehr oder weniger zu ersetzen, muss notwendigerweise scheitern, weil er dem menschlichen Bedürfnis der Lernenden nicht gerecht wird.

Wie wäre es, wenn man die erzielten Leistungen je nach Unterrichtsmethode evaluieren würde?

Was bei den Radikalreformern auffällt, sind ihre dreisten Behauptungen, ohne dass sie durch Studien belegt sind. So wird etwa behauptet, Schüler würden nur dann motiviert lernen, wenn sie den Eindruck hätten, selbstbestimmt zu lernen. Oder: Vernetztes und selbstorganisiertes Lernen, Unterrichtsformen also, bei denen jeder Schüler nach seinen Bedürfnissen lernen kann, führten zu besseren Leistungen als der bisherige Frontalunterricht. Solche Behauptungen wären erst noch zu beweisen, indem man die Praxistauglichkeit der «revolutionären» und der klassischen Unterrichtsformen einem vergleichenden Test unterzöge. Dann würde sich möglicherweise zeigen, dass der von den Reformpädagogen verteufelte Frontalunterricht im Hinblick auf das Erreichen der Lernziele wesentlich effizienter ist als das Lernen nach dem Lustprinzip.

Keine Frage: Unterrichtsformen gilt es immer wieder auf ihre fachliche und pädagogische Wirkung hin zu überprüfen und den veränderten Bedingungen anzupassen. Das heisst aber nicht, Bewährtes über Bord zu werfen, um fragwürdige, in keiner Weise erprobte Lernformen an seine Stelle zu setzen.

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1 Kommentar

  1. Eine solche umfangreiche Vergleichsstudie gibt es bereits. Sie wurde schon 2006 im EDUCATIONAL PSYCHOLOGIST, 41(2), auf Seiten 75–86 veröffentlicht unter dem Titel “Why Minimal Guidance During Instruction Does Not Work: An Analysis of the Failure of Constructivist,
    Discovery, Problem-Based, Experiential, and Inquiry-Based Teaching” und stammt von Paul A. Kirschner, Universität Utrecht, John Sweller, University of New South Wales und Richard E. Clark, University of Southern California. Die Studie kann im Netz eingesehen und heruntergeladen werden, falls man über Englischkenntnisse verfügt.

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