14. Oktober 2019

2. Teil des Gesprächs mit Condorcet: Die Bedeutung der Mathematik

Im 2. Teil des fingierten Gesprächs, das Alain Pichard mit Jean-Marie Caritat de Condorcet führt, geht es um die Mathematik und deren Bedeutung für die positive Entwicklung der Gesellschaft. Ausserdem erklärt Condorcet seine Gegnerschaft zu den Thesen zu Rousseau und geht auf seine Rolle in der Französischen Revolution ein.

Quelle: picture-alliance / Mary Evans Pi

1770 wurden Sie mit erst 27 Jahren in die «académie française» aufgenommen und wurden später sogar deren  Sekretär.

Condorcet: Wieder dank der Fürsprache von d’Alembert.

Und Sie entwickelten Ihre berühmtesten mathematischen Kalküle und Theorien, zum Beispiel zur Wahrscheinlichkeitsrechnung.

Café Procop, Paris
Bild Tripadvisor

Condorcet: Einer meiner Lieblingsorte war das Café Procop, das auch regelmässig von Diderot und Voltaire besucht wurde. In unseren gemeinsamen Diskussionen ging es immer wieder um die Frage, wie man die Monarchie von innen heraus reformieren könne. Meine Behauptung, dass die Gesetze der Vernunft und der Mathematik dazu beitragen könnten, eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen, bewies ich anhand der Wahrscheinlichkeitstheorie der Mathematik, der zum Beispiel auch die Reservierungen in einem Restaurant unterliegen. Wenn der Restaurantbesitzer Reservierungen annimmt, weiss er, dass die meisten Gäste kommen und einige wenige fernbleiben. Er wird deshalb zu viele Reservierungen annehmen, also eine Art Overbooking betreiben.

Wie unsere Fluggesellschaften heute?

Condorcet: Genau. Die Wahrscheinlichkeitsrechnung besagt nun, dass eine Entscheidung umso besser wird, je mehr Menschen sich daran beteiligen. Die Konsequenz mündete natürlich in die Forderung nach einer repräsentativen Regierung und war ein Angriff auf die absolute Monarchie.

Und was hatte es mit dem Auswahl-Paradoxon auf sich?

Condorcet: Bei meinem Paradoxon geht es um Wahlen. Die Wahl zwischen Camembert und Brie ist relativ einfach. Dort entscheidet das einfache Mehr. Stehen aber ein Roquefort, ein Brie, ein Camenbert und ein Morbier zur Wahl, dann ist es nicht so evident, den Willen der Mehrheit zu eruieren. Wissenschaftlich ausgedrückt: Aus mehreren individuellen transitiven Präferenzlisten ohne willkürliche Bevorzugung lassen sich nicht immer kollektive transitive Präferenzlisten erstellen.

Andreas Gross (SP) sitzt im Nationalratssaal. © Manuel Zingg/Blick

In der Basler Tageswoche bezeichnete Sie der ehemalige SP-Nationalrat Andreas Gross als Vater der Direkten Demokratie. Er erwähnte, dass Sie Ihr Bildungsprogramm nicht einfach der Nationalversammlung überlassen wollten, sondern beabsichtigten, die Bürger – und wenn es ganz nach Ihnen gegangen wäre, auch die Bürgerinnen – in diesen Prozess miteinzubeziehen.

Condorcet: Richtig. Genau dadurch sollten die Bürger auch den Zugang zum Staat finden und jene Identifikation aufbauen können, die der «grosse Staat» nicht so einfach ermöglicht wie ein «Kleinstaat» oder eine «kleine Gemeinschaft». Mir ging es mit dem Initiativrecht nicht um die individuelle Selbstbestimmung, sondern um die Gewährleistung eines diskursiven Raumes.

Und wie hätte das geschehen sollen?

Condorcet: Das Modell sah vor, dass sich in sogenannten über das ganze Land verteilten Primärversammlungen Parlamentarier und Bürger miteinander über die Gesetze auseinandersetzen; 50 Bürger erhalten in diesen Versammlungen das Recht, Vorschläge für Gesetzesänderungen zu verfassen, mit denen sich zuletzt die Nationalversammlung zu befassen hat. Damit schlugen wir zwei Fliegen mit einer Klappe: Einerseits sollten die Repräsentanten wissen, wen sie wie zu vertreten haben, und andererseits sollte so das Vernunftpotenzial der Bürger freigelegt und deren aufgeklärte Urteilsfähigkeit ermöglicht werden.

Dieses Projekt fiel dann dem Machtkampf mit den radikaleren Jakobinern zum Opfer.

Condorcet: Es wurde vom Konvent nicht einmal ernsthaft diskutiert.

Doch Sie unterstützten die Revolution von Anfang an!

Condorcet: Natürlich, wir alle waren begeistert!

Auch in ihrer eruptiven Gewaltanwendung?

Condorcet: 150 Jahre nach meinem Tod hat ein gewisser Albert Camus meine Befürwortung einer begrenzten Gewaltanwendung zur Befreiung von einer Diktatur und zur Herstellung von Gerechtigkeit und Frieden gutgeheissen.

Zum ersten Konflikt kam es aber, als Sie die Todesstrafe für den König ablehnten!

Condorcet: Ich bin ein strikter Gegner der Todesstrafe! Mit einigen Freunden der Gironde – ich war niemals Mitglied der Gruppe – trat ich für die Absetzung des Königs ein, wehrte mich aber gegen dessen Hinrichtung. Aber der Druck auf uns war riesig … Die Hardliner brachten die Leute der Strasse auf die Tribüne der Nationalversammlung, die jedes mässigende Votum niederschrien. Da kippten viele um. Der spätere Polizeiminister Fouché beispielsweise versicherte uns noch am Vorabend, dass er gegen die Todesstrafe stimmen werde. Doch dann stimmte er für sie!

Kannten Sie Robespierre?

Condorcet: Was soll die Frage! Natürlich kannte ich ihn. Wer kannte ihn nicht! Er vertrat schon früh den «Despotismus der Freiheit»! Er obsiegte schliesslich und errichtete die Herrschaft der Tugendfanatiker, mit dem damit verbundenen Justizterror, den Massenhinrichtungen und dem immer wieder aufflackernden Bürgerkrieg. Damit verhinderte er nicht nur soziale und wirtschaftliche Reformen, sondern fügte Frankreich einen kaum mehr wiedergutzumachenden moralischen Schaden zu. Robespierre wollte ein „neues Volk schaffen“, ich jedoch wollte den mündigen Bürger.

Es tönt fast so, als hätte es gar keine Revolution gebraucht.

Condorcet: Nun, Frankreich forderte damals eine Revolution, keine überlegten Reformen, welche ja erst nachhaltige Fortschritte mit sich bringen. Grundsätzlich werfen Sie aber eine interessante Frage auf: Sind Revolutionen überhaupt notwendig? Und ist ein revolutionäres Handeln, das nicht in Reformen mündet, überhaupt mit der Idee des Fortschritts zu vereinbaren? Sehen Sie sich die englische Art der Revolution an: die Industrielle Revolution.

Letztendlich erfüllte sich auch die Idee von Rousseaus «volonté générale», das Vorbild für Robespierre!

Condorcet: Ich war nie einverstanden mit Rousseaus Theorie, die ja im Grunde genommen mit der Ablehnung des technischen und wissenschaftlichen Fortschritts einherging. Er glaubte, dass technischer Fortschritt die Tugend zersetze und das Glück der Menschheit vermindert habe. Und ja, Sie sagen es: Seine «volonté générale» führte direkt in die jakobinische Terrorherrschaft! Robespierre setzte auf eine Katharsis ganz im Rousseau’schen Sinne. Die Illusion von Reinigung schliesst aber immer Gewalt ein. – Sie haben dies ja in späteren Revolutionen erfahren können, denken sie nur an die russische Revolution, die chinesische Kulturrevolution oder an die Verbrechen der Roten Khmer in Kambodscha. – Robespierre und seine Leute wollten die Macht an sich reissen, die vorher der absolute Monarch innehatte.

Wie erklären Sie sich, dass Rousseau bei uns immer noch so populär und vor allem viel bekannter ist als Sie selbst?

Condorcet: Rousseau war natürlich der «Darling» der Jakobiner – und das Denken der Jakobiner ist in Frankreich auch heute noch sehr populär. Seine anti-wissenschaftlichen Thesen stehen ja bei Ihnen auch heute noch hoch im Kurs.

Er verdammte die Wissenschaft als Ursprung der Ungleichheit des Menschen.

Condorcet: Nicht nur das: Er kämpfte gegen die Bücher als Mittel der Bildung, er wandte sich gegen einen systemischen Unterricht, plädierte für eine Pädagogik rein vom Kinde aus, und – das wissen viele nicht – er war ein Gegner der Bildung für Frauen!

Bild: PP Bernard Schneuwly

Ende des 2. Teils des Gesprächs. Im 3. Teil beschäftigen wir uns mit Condorcets Gedanken zur Bildung und sprechen ausführlicher über seine Frau Sophie de Grouchy.

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