Habt Mut zur Angst

Offener Brief an die alten weissen Männer Alain Pichard und Thilo Schneider
(verfasst am 7.Mai 2019, dem Overshoot Day, an dem die Schweiz in etwas mehr als 4 Monaten alle Ressourcen aufgebraucht hat, die unserem Land fürs ganze Jahr eigentlich zur Verfügung stünden!)

Ich bin auch ein älterer, noch nicht ganz weisser Mann, aber wie ich Euren „Brief an die Jugend“ las, kam ich mir schlagartig wie ein Achtzehnjähriger vor, der ausruft: Was für ein Quatsch!

Schon der Tonfall, den Ihr anschlagt, ist übel, richtig übel. Schulstreik in Anführungszeichen und garniert mit der süffisanten Zusatzbemerkung: „Wer freut sich nicht über ein paar schulfreie Stunden?“ Meint Ihr das im vollen Ernst? Ich kann es kaum glauben.

Und dann spielt Ihr Euch auf als die alten, weisen Häuptlinge, die ihren Jungen die Angst nehmen wollen, wo es doch heute gerade darum geht, Mut zur Angst zu entwickeln, sie auszusprechen und dann zu handeln! Oder macht es Euch keine Angst, Eure privaten Konsumdaten auf der Homepage des ökologischen Fussabdruckes einzugeben und innert 15 Minuten das Resultat zu erhalten, dass es etwa 2 bis 3 Erden bräuchte, wenn alle so leben würden wie wir ?

Seit Jahrzehnten wird die Klimaerwärmung erforscht und seit geraumer Zeit werden vom Weltklimarat IPCC in regelmässigen Abständen alle relevanten Forschungsergebnisse in Klimaberichten zusammengefasst. Etwa 97% aller ForscherInnen weltweit sind sich einig: Wenn wir mit dem Klimaschutz zu lange warten, wird der Planet überhitzt, Lebensräume gehen verloren, verheerende Naturkatastrophen werden passieren und Klimaflüchtlinge werden ihre zunehmend unbewohnbare Heimat verlassen müssen. Und jetzt sollen wir uns beruhigen, weil angeblich die Sache doch nicht so schlimm ist, weil schon beim Waldsterben klar wurde, dass die Oekologiebewegung sinnlos übertrieb und weil es der Menschheit noch nie so gut gegangen ist wie heute? Auf welchem Planeten lebt Ihr? Lest Ihr die Klimaberichte oder nur die „Weltwoche“?

Eure (un)politische Empfehlung an die Jugend lautet: „Ihr wollt etwas ändern? Dann verzichtet selber.“ Individueller Konsumverzicht statt politisches Engagement auf der Strasse. Und eifrig in die Schule gehen und lernen, egal was, Hauptsache lernen. Da geht eine Jugend auf die Strasse und beruft sich auf die erdrückenden Beweise der Wissenschaft: Genau das soll man doch in der Schule lernen: Die Wissenschaft ernst nehmen und sich bei drängenden Problemen als engagierte BürgerInnen  fürs Gemeinwohl einsetzen. Oder nicht?

Individueller Verzicht ist unabdingbar, da gibt es keine Ausrede mehr. Aber das reicht nicht.

Ottmar Edenhofer, einer der bekanntesten Klimaforscher Deutschlands, hat für die internationale Klimapolitik folgendes Bild entworfen: Ihr momentaner Zustand lasse sich mit einem „Uebergewichtigen vergleichen, der sich vorgenommen hat, einen Marathon zu laufen.“ Um dieses Ziel zu erreichen, müsste der Uebergewichtige eigentlich sofort zu trainieren anfangen. „Stattdessen setzt er sich erst mal auf die Couch, öffnet eine Tüte Chips und guckt sich Sport im Fernsehen an“, sagt Edenhofer. „Dann nimmt er sich vor, morgen umso härter zu trainieren.“ Millionenfach sitzen wir vor der Flimmerkiste und bewegen uns nicht. Bei Süchtigen reicht ein Appell zum freiwilligen Verzicht nicht, und wir sind heute im globalen Kollektiv süchtig Da braucht es unbedingt strukturelle Veränderungen, die so massiv und rigide sind wie das Rauchverbot in den Zügen und das Gurtenobligatorium beim Autofahren.

Wir stehen vor gigantischen Aufgaben. Es braucht eine Art ökologischen Marshall-Plan für die ganze Welt. Greta Thunberg hat das erkannt und sie spricht es in einfachen, klaren Worten aus. Bill Gates und Jeff Bezos dagegen sollen aufhören, sich mit ihren digitalen Weltkonzernen auf Kosten von Mensch und Natur zu bereichern und sich nebenher als spendenfreudige Donatoren aufzuspielen.

In diesem Sinne: Haben wir Mut zur Angst, liebe Brüder und Schwestern!

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