16. Juli 2024
OECD-Studie

Kinder aus zugewanderten Familien haben sich schulisch verbessert

Mehr als die Hälfte der Deutschen glaubt, bei schulischen Leistungen von Kindern aus migrantischen Familien gebe es einen Abwärtstrend. Dabei ist das Gegenteil der Fall, sagt der Autor einer neuen Studie. Wir schalten einen Artikel auf, der zuerst in der Welt erschienen ist.

Thomas Liebig, Leitender Ökonom in der Abteilung für Internationale Migration der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Wie haben sich die schulischen Leistungen von Kindern und Jugendlichen aus migrantischen Familien in Deutschland in den vergangenen Jahren entwickelt? Die öffentliche Meinung ist in dieser Frage recht eindeutig, geht aber an der Realität vorbei – das ist aus Sicht des Integrationsforschers Thomas Liebig eins der zentralen Ergebnisse beim Thema Bildung einer jüngst vorgestellten neuen OECD-Studie.

“Während viele Menschen glauben, die Leistungen der Kinder hätten sich verschlechtert, sind sie in Wahrheit besser geworden”, erklärte Liebig, Hauptautor der Studie, dem “Spiegel”. Konkret ging es bei der Umfrage um Kinder von Zuwanderern aus Nicht-EU-Staaten, die selbst nicht zugewandert, sondern im Inland geboren sind.

Für die Studie wurden Daten und Analysen aus mehreren Ländern Europas ausgewertet. In Deutschland gehen demnach mehr als 60 Prozent der Befragten von einem negativen Trend bei den schulischen Leistungen der Kinder von Migranten aus. Die übrigen Umfrageteilnehmer schätzen die Entwicklung grob so ein, wie sie der Studie zufolge tatsächlich ist: positiv.

Bei den Lesekompetenzen aufgeholt

Dies gilt zumindest für diejenigen Kinder und Jugendlichen, die selbst in Deutschland geboren wurden, während ihre Eltern zugewandert sind. Bei einem Vergleich der Pisa-Ergebnisse von 2009 und 2018 zeigt sich demnach bei den 15-Jährigen, die diese Kriterien erfüllen, dass sie bei den Lesekompetenzen aufgeholt haben. Umgerechnet hätten sie sich in dem besagten Zeitraum um ein halbes Schuljahr verbessert, sagt Liebig. Die Entwicklung während und nach der Pandemie wurde nicht erfasst.

Auch der Anteil der Nachkommen von Migranten zwischen 15 und 34 Jahren, die sich weder in der Schule noch in einer Ausbildung oder im Beruf befinden, sei zwischen 2012 und 2020 gesunken, erklärte der Forscher. In demselben Zeitraum habe es in dieser Altersgruppe bei Menschen mit zugewanderten Eltern auch eine leicht positive Entwicklung bei der Quote der Erwerbstätigkeit gegeben.

Auch hier lägen die Umfrageteilnehmerinnen und -teilnehmer in Deutschland mit ihrer Einschätzung mehrheitlich falsch, so Liebig. An der Umfrage beteiligten sich den Angaben zufolge EU-weit rund 27’000 Menschen, davon 1’500 in Deutschland. Die Daten hatten die OECD-Forscher erstmals für die aktuelle Integrationsstudie ausgewertet.

Dass viele Menschen eher von einem negativen Trend bei Kindern zugewanderter Eltern ausgehen, liegt Liebig zufolge unter anderem daran, dass nur wenige Bildungsstudien gezielt unterschiedliche Gruppen von Kindern aus migrantischen Familien untersuchen. Oder daran, dass entsprechende Ergebnisse medial nicht entsprechend differenziert dargestellt werden.

“Wenn man die neu zugewanderten Kinder in die Gruppe aller Schülerinnen und Schüler mit Migrationsgeschichte einbezieht, ist klar, dass sie den Leistungsschnitt insgesamt deutlich nach unten ziehen.”

Kein einheitlicher Befund

Bei der Entwicklung der schulischen Leistungen habe man für die aktuelle Integrationsstudie bewusst Kinder herausgerechnet, die selbst erst nach Deutschland eingewandert sind, sagte Liebig. Ihre Voraussetzungen beim Lernen seien ganz andere als bei Kindern, die hierzulande geboren und aufgewachsen seien: “Wenn man die neu zugewanderten Kinder in die Gruppe aller Schülerinnen und Schüler mit Migrationsgeschichte einbezieht, ist klar, dass sie den Leistungsschnitt insgesamt deutlich nach unten ziehen.” Dies gelte insbesondere für Deutschland aufgrund der vergleichsweise hohen Fluchtmigration in den Jahren 2015/2016.

Zudem zeigten viele Bildungsstudien, dass Kinder aus sozioökonomisch benachteiligten Familien schulisch im Schnitt schlechter abschneiden als andere. Zugewanderte Familien seien zwar überdurchschnittlich oft sozioökonomisch benachteiligt, sagt Liebig. Ausschlaggebend für die im Schnitt geringeren Leistungen der Kinder sei jedoch die soziale und nicht die kulturelle Herkunft.

Dies hatte zuletzt auch die Iglu-Studie gezeigt, ein internationaler Vergleichstest von Viertklässlerinnen und Viertklässlern im Lesen. Die Studie hatte insgesamt deutliche Leistungsrückgänge bei Grundschulkindern attestiert. Auch die bundesweite IQB-Bildungsstudie im Herbst belegte einen insgesamt negativen Trend bei Kindern in den 4. Klassen. Im Dezember 2023 erscheint mit der Pisa-Studie ein neuer internationaler Leistungsvergleich von 15-Jährigen.

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Matthias Burchardt, Jg. 1966, hat in an der Universität zu Köln Germanistik, Philosophie, Pädagogik, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften studiert und mit dem Ersten Staatsexamen abgeschlossen. Promoviert hat er über die Anthropologie Eugen Finks. Als gefragter Referent und streitbarer Publizist vertritt er in Presse, Rundfunk und Fernsehen humorvoll und kontrovers Positionen zu PISA, Bologna und nicht zuletzt zum Digitalisierungshype. Befragt wird er von Michael Meyen, seit 2002 Professor für Allgemeine und Systematische Kommunikationswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Matthias Burchardt ist in unserem Blog kein Unbekannter. Er ist Mitbegründer und Geschäftsführer der Gesellschaft für Bildung und Wissen, die mit unserem Blog verbunden ist und in Österreich, Deutschland und der Schweiz kritisch Stellung zu bildungspolitischen Fragen bezieht. Burchardt formuliert messerscharf und rhetorisch brillant den bildungspraktischen Nutzen einer quantifizierenden empirischen Bildungsforschung und den Verlust an Augenmaß in der Bldungspolitik.

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