21. Juni 2024
Kühnels Sonntagseinspruch

Das grosse Stell-Dich-Ein der internationalen Bildungsindustrie

In seinem aktuellen Sonntagseinspruch nimmt sich Professor Wolfgang Kühnel das “Who is Who” der internationalen Bildungsindustrie vor und durchleuchtet deren Agenda. Ein Genuss und kein Aprilscherz.

Prof. Wolfgang Kühnel, Stuttgart

Liebe Mitstreiter,

das heutige Wort zum Sonntag ist kein Aprilscherz, wenngleich man bei dem heutigen Datum daran denken könnte. Es geht um ernst gemeinte neue Entwicklungen im Bildungssystem und um einen Blick in die Zukunft.

Die Ständige Wissenschaftliche Kommission der KMK (SWK) hat ja einen hohen Anspruch, nämlich zu skizzieren, was in der Zukunft realisiert werden sollte. Da geht es dann um die Digitalisierung der Kitas und Schulen und zuletzt auch um den Lehrermangel, gewiss ein ungeliebtes Thema für die Mitglieder der SWK:

https://www.kmk.org/kmk/staendige-wissenschaftliche-kommission.html

Alle sollen einbezogen werden …

Hier der Anspruch im Wortlaut

“Die Kommission berät die Länder bei der Weiterentwicklung des Bildungswesens. Sie identifiziert bestehende Probleme und gibt evidenzbasierte Empfehlungen für deren Lösung. Dabei nimmt die Kommission eine interdisziplinäre, längerfristige und systemische Perspektive ein. Expert:innen und Vertreter:innen aus Politik, Verwaltung, Bildungspraxis und Zivilgesellschaft werden in Hearings einbezogen.” Das klingt doch gut, angeblich sind alle einbezogen, sogar die Praktiker. Speziell das Wort “Zivilgesellschaft” sollten wir uns kurz merken, es kommt später noch einmal vor. Betrachten wir die Empfehlungen vom  7.10.2021 zur “Bildung in der digitalen Welt”.

Auf den Seiten 7-8 stehen allgemeine Ziele wie “Fähigkeit zur Selbststeuerung, Abstraktionsfähigkeit, kooperative und kommunikative Kompetenzen, digitalisierungsbezogene Einstellungen (!)” usw., die ersten konkreten Empfehlungen stehen auf Seite 11, darunter die zu “zentrale Abschlussprüfungen mit einer obligatorischen Nutzung digitaler Werkzeuge bei der Bearbeitung”. Das war wohl noch vor dem Bekanntwerden des Systems ChatGPT. Es drohen ja massive Probleme, die Eigenleistung einzelner Schüler überhaupt noch zu erkennen, wenn Geräte benutzt werden dürfen oder sollen, die mit der Außenwelt über WLAN vernetzt sind. Ob die Kommission davon wusste?

Woher kommen eigentlich diese allgemeinen Ziele?

Zur Begründung dieser ersten Empfehlungen wird ausdrücklich auf die “21st Century Skills” Bezug genommen, so als seien die eine Art wissenschaftliche Grundlage. Der sprachliche Stil verrät einiges über das Vorgehen der Kommission: “Auf diese Zieldefinitionen beziehen sich auch die 21st Century Skills, die Antworten auf die Herausforderungen einer digitalisierten und technologisierten Gesellschaft im 21. Jahrhundert geben sollen. Das OECD-Framework sowie die Partnership for Twenty-first Century Skills beschreiben entsprechende Ziele von Bildungsprozessen.”

Das kann man nur so verstehen, dass die genannten Zieldefinitionen der SWK kohärent mit dem OECD-Framework sind. Zum OECD-Framework werden einerseits der OECD-Lernkompass 2030

https://www.oecd.org/education/2030-project/contact/OECD_Lernkompass_2030.pdf

sowie andererseits das “framework for 21st Century Learning”

https://static.battelleforkids.org/documents/p21/P21_framework_brief.pdf

zitiert. Beide Dokumente verdienen es, mal “gegen den Strich” gelesen zu werden.

In der Einleitung zu diesem OECD-Lernkompass steht noch einmal das Wort “Zivilgesellschaft”, denn die Autoren bezeichnen sich selbst als den “zivilgesellschaftlichen  Teil” dieses OECD-Projekts auf deutscher Seite, das sich mit der Zukunft von Bildung beschäftigt.

Und am Schluss der Einleitung wird genauer gesagt, wer auf deutscher  Seite als “zivilgesellschaftliche Partner” dabei beteiligt waren.

Das sind nicht etwa staatliche Stellen und auch nicht die sonst üblichen gesellschaftlichen Gruppen wie Gewerkschaften und Arbeitgeber, Kirchen, Sozialverbände, Universitäten, Lehrerverbände, Parteien usw., sondern:

  1. die Bertelsmann-Stiftung,
  2. die Telekom-Stiftung,
  3. Education Y e.V. (dahinter verbirgt sich die Vodafone-Stiftung),
  4. die Siemens-Stiftung und
  5. Global Goals Curriculum e.V. (ein Teil der deutschen Unesco-Kommission, aber keineswegs DIE deutsche Unesco-Kommission).

“Mit der Verabschiedung der Globalen Nachhaltigkeitsagenda hat sich die Weltgemeinschaft dazu verpflichtet, bis 2030 eine hochwertige, inklusive und chancengerechte Bildung für Menschen weltweit und ein Leben lang sicherzustellen.”

Diese Unesco-Kommission gibt auf ihrer Homepage unter “Public Private Partnerships” an, dass man ja ohne die Mitwirkung von Unternehmen nichts erreichen könne, und ihre aktuellen Partner-Unternehmen werden wie folgt genannt:

  1. die BASF-Stiftung,
  2. Danone Waters Deutschland,
  3. dm-drogerie markt und
  4. L’Oreal Deutschland.

Wer sonst noch dort mitwirkt oder wie dort die entscheidenden Leute bei Global Goals Curriculum benannt werden, ist schwer herauszufinden. Jedenfalls hat man auch dort eine “Agenda Bildung 2030”, das passt rein zufällig gut zum OECD-Bildungskompass 2030, wie schön.

Auf welche Experten man sich dabei stützt, bleibt unklar. Verantwortliche Personen werden nicht mitgeteilt, nur der Präsident der Deutschen Unesco-Kommission wird namentlich genannt.

Vollmundig erklärt man auf der Homepage: “Mit der Verabschiedung der Globalen Nachhaltigkeitsagenda hat sich die Weltgemeinschaft dazu verpflichtet, bis 2030 eine hochwertige, inklusive und chancengerechte Bildung für Menschen weltweit und ein Leben lang sicherzustellen.” Damit kann die Kommission dann auch die Abschaffung der deutschen Förderschulen fordern, denn der “inklusiven und chancengerechten Bildung” kann natürlich niemand widersprechen. Auf welche Experten man sich dabei stützt, bleibt unklar. Verantwortliche Personen werden nicht mitgeteilt, nur der Präsident der Deutschen Unesco-Kommission wird namentlich genannt.

Normalerweise stellt man sich unter der OECD einen Zusammenschluss von Staaten vor, deren Institutionen dann gemeinsame Stellungnahmen erarbeiten. Aber man stellt sich nicht eine Ansammlung von unternehmensnahen Stiftungen vor, die ohne jede demokratische Kontrolle  agieren. Mit “Zivilgesellschaft” ist das jedenfalls nicht korrekt beschrieben, man könnte eher an einen Zusammenschluss internationaler Unternehmen denken, deren Stiftungen bekanntlich auch dem Steuersparen dienen (neudeutsch: Steuervermeidung).

Aber von Politik und Wissenschaft ist nichts zu sehen außer zahlreiche Zitate am Schluss. Zitate sind aber keine Zusammenarbeit mit den Zitierten.

Wo also bleibt der Einfluss der eigentlich zuständigen Institutionen, etwa deutsche Ministerien? Wo bleibt der Einfluss des deutschen Wählers, der von all dem vermutlich gar nichts weiß? Und inwiefern ist PISA dem nun untergeordnet? Man vergleiche das Vorwort von Andreas Schleicher in dem OECD-Lernkompass: Da behauptet er einfach, der OECD-Lernkompass sei “in einer internationalen Zusammenarbeit von Verantwortlichen aus Politik, Wissenschaft, Gesellschaft und Wirtschaft der OECD-Staaten entwickelt.”

“Im Sinne dieser Veränderungen haben sich Fokus und Zielrichtung der Überwachung der Leistung des  Bildungssystems verändert: von der herkömmlichen Wertschätzung von Rechenschaftspflicht und Einhaltung von Standards zur kontinuierlichen Verbesserung des Systems durch das Feedback auf allen Systemebenen.”

Aber von Politik und Wissenschaft ist nichts zu sehen außer zahlreiche Zitate am Schluss. Zitate sind aber keine Zusammenarbeit mit den Zitierten. Und das wird von der SWK ohne weiteren Kommentar bei den Empfehlungen mit zugrunde gelegt.

Vielleicht ist Seite 15 im Lernkompass typisch, wo drei Jahrhunderte gegenübergestellt werden. Zum 19. Jahrhundert heißt es noch “Profitstreben steht im Mittelpunkt”, im 20. Jahrhundert gibt es dann die “soziale Verantwortung der Unternehmen”, und für das 21. Jahrhundert heißt es, die Unternehmen bezögen “die Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen mit ein”. Ob das auch für die IT-Industrie sowie die Rüstungsindustrie gelten mag?

Hier noch ein schönes Zitat von Seite 16:

“Im Sinne dieser Veränderungen haben sich Fokus und Zielrichtung der Überwachung der Leistung des  Bildungssystems verändert: von der herkömmlichen Wertschätzung von Rechenschaftspflicht und Einhaltung von Standards zur kontinuierlichen Verbesserung des Systems durch das Feedback auf allen Systemebenen.”

Also niemand kann dem “System” dann noch entrinnen, nicht einmal durch Leistungsverweigerung. Erinnert das vielleicht an “Big Brother is watching you”?

Die andere Quelle “21st Century Learning” ist ein Dokument, das noch nicht einmal einen namentlichen Autor hat, nur eine US-Organisation ohne erkennbare Legitimation, ganze zwei Seiten mit Schlagworten wie “21st century Themes, Innovation Skills” etc. sowie nicht weniger als 10 Wortkombinationen mit “Literacy”, z.B. “Health Literacy, Media Literacy, Financial, Economic, Business, and Entrepreneurial Literacy”. Das ist aber alles sehr allgemein, um nicht zu sagen “höheres Blabla”.

Ferner wird auf ein Strategiepapier “Bildung in der digitalen Welt” der KMK von 2016 Bezug genommen, das angeblich bereits bundesweit umgesetzte Vorgaben enthält, so als sei dieses wissenschaftlich maßgeblich.

Im Literaturverzeichnis fehlt dann allerdings gerade dieses KMK-Strategiepapier. Neben einer Klärung des Stellenwerts des Schulfaches Informatik werden in Abschnitt 1.3 noch die folgenden   Empfehlungen gegeben:

“Die Weiterentwicklung der Gesamtstrategie der KMK zur Qualitätssicherung im Bildungswesen hinsichtlich der Erfassung der drei  Kompetenzbereiche in Large-Scale Assessments.”

Man kann sich wohl vorstellen, welche Begeisterung das bei dem Kita-Personal auslösen wird.

Die weiteren Details der SWK-Empfehlungen müssen an anderer Stelle ausführlich gewürdigt werden, auch die Empfehlung vom 19.9.2022, dass selbstverständlich die Kitas nicht verschont bleiben dürfen, wörtlich ist von “Digitale[r] Medienbildung und elementarinformatische[r] Bildung als Bildungsziele” die Rede, was bereits jetzt in den meisten Bildungsplänen der Länder enthalten sein soll, und es heißt explizit: “Es sollte eine digitale Plattform mit evidenzbasierten digitalen Anwendungen für alle Inhaltsbereiche der sprachlichen, mathematischen, sachkundlichen und ästhetischen frühen Bildung sowie Elementarinformatik und Computational Thinking aufgebaut werden, die in die Aus- und Weiterbildung des frühpädagogischen Personals integriert wird.”

Man kann sich wohl vorstellen, welche Begeisterung das bei dem Kita-Personal auslösen wird. Es fehlen jetzt schon Kita-Betreuer, und mehr Elementarinformatik in deren Ausbildung wird das wohl kaum verbessern. Eher wird es Satiriker und Kabarettisten herausfordern, sich die neue digitalisierte Kita für 3-Jährige auf ihre Art auszumalen.

W. E. Fthenakis des Didacta Verbands der Bildungswirtschaft, Ehrenlobbyist im Deutschen Bundestag

In einem Interview zur Didacta 2023 erklärte der Ehren-Lobbyist W. E. Fthenakis des Didacta Verbands der Bildungswirtschaft (der übrigens im Lobbyregister des Deutschen Bundestages verzeichnet  ist) schon mal konkret, was gemeint sein könnte:

“Bereits im dritten Lebensjahr können die Kinder beim Verlassen der Einrichtung mit Hilfe von Piktogrammen ihren Tag evaluieren.”

Und diese Daten können vermutlich dann direkt und Online in den Bericht einer Kita-Evaluierungskommission aus dem zuständigen Ministerium eingehen. Kein Aprilscherz.

In diesem Sinne wünscht einen schönen Sonntag

Wolfgang Kühnel

PS: Nur zur Kontrolle hier die Quelle für das Zitat von Fthenakis:

https://www.news4teachers.de/2023/03/fthenakis-die-digitalisierung-zum-anlass-nehmen-um-das-bildungssystem-grundlegend-zu-veraendern-darin-liegt-die-chance/

 

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4 Kommentare

  1. Es ist nur noch bemühend, immer wieder dieses arrogant-nichtssagende Blablabla der ach so bemühten Institutionen um die Ohren gehauen zu bekommen. Süsser die Versprechen nie klingen… auf das nichts mehr je kann gelingen.
    Frohe Ostern dann!

  2. “Bereits im dritten Lebensjahr können die Kinder beim Verlassen der Einrichtung mit Hilfe von Piktogrammen ihren Tag evaluieren.”
    Wer als verantwortlicher Bildungsexperte so daherredet, müsste sofort entmachtet werden. Das geschieht aber nicht, weil der Mann in einem Biotop Gleichgesinnter operiert. Zu diesen Gleichgesinnten dürften aber die wirtschaftsnahen Institutionen gerade nicht gehören!

    1. Fthenakis ist ehemaliger Präsident und jetziger Ehrenpräsident des Didacta Verbands. der auch die Didacta-Messe in Deutschland ausrichtet. Der Didacta Verband vertritt die Interessen der sog. “Bildungswirtschaft”, das sind nicht nur, aber insbesondere die Unternehmen, die zur Digitalisierung von Schulen beitragen wollen, z.B. durch Lernsoftware, Lernvideos und ähnliches. Zu diesen Unternehmen gehört auch Bertelsmann, insofern gibt es da eine Verbindung.

  3. Fthenakis (Jahrgang 1937) rechtfertigt im zitierten Interview den Medieneinsatz bei den Kleinsten damit, dass sie dadurch “Erfahrungen” machen könnten, deren direkte Anschauung ihnen verwehrt bleibe, wie: die Funktion des Blutkreislaufs, das Innere eines Vulkans, etc. Was er trotz seiner vielen Studien und akademischen Titeln offenbar nicht weiss: Mediale Abbildungen sind keine Primärerfahrungen, sondern symbolische Darstellungen. Vgl. die Abbildung eines Apfels mit der Legende: “Ceci n’est pas une pomme.” Kinder – und das müsste er als Psychologe mit der Spezialisierung auf frühkindliche Entwicklung eigentlich wissen – brauchen reiche Primärerfahrungen, um ihr Gehirn überhaupt auf symbolisch-abstraktes Verständnis vorbereiten zu können.

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