30. Januar 2023

Auch bei der Lehre ist Basel wieder Schlusslicht

Weil der akademische Weg überhöht wird, entscheiden sich viele Jugendliche für den falschen Ausbildungszweig. Das ist Teil eines grösseren Problems. Sebastian Briellmann, Journalist der BAZ, nimmt sich seinen Heimatkanton vor.

Sebastian Briellmann, Journalist der BAZ

Die Schlagzeile hat etwas Bedrohliches, lässt nichts Gutes erahnen: «Noch nie haben so viele Junge ihre Lehre abgebrochen».

Was die Tamedia-Titel, zu der auch diese Zeitung gehört, in der letzten Woche berichtet haben, liest sich auch in Zahlen nicht wirklich beruhigender: 11’810 Lehrlinge, die 2017 ihre Ausbildung begonnen haben, haben ihren Lehrvertrag aufgelöst. Das ist eine Quote von 22,4 Prozent.

Besser klingt eine andere Zahl: Effektiv zum Lehrabbruch kommt es nur bei 4,4 Prozent der – der Rest wechselt die Branche, den Betrieb oder passt einfach den Vertrag an. Alles in Ordnung also?

Basler Höchstwerte

So einfach lässt sich das Thema nicht als erledigt abhaken. Das zeigt ein Blick in die Region: Das Bundesamt für Statistik weist für Basel-Stadt eine Lehrvertragsauflösungsquote von 26,7 Prozent und für Basel-Landschaft sogar eine von 27,4 Prozent aus. Das sind die höchsten Werte in der Deutschschweiz.

In der Pflege und im Detailhandel ist die Fluktuation hoch, genauso wie bei den KVlern, der mit Abstand meistgewählten Lehre in der Schweiz.

Das beunruhigt jedoch weder die Kantone noch die Wirtschaftsverbände, wie es auf Anfrage heisst. Die Bildungsdirektionen rechnen auch anders, setzen die Zahl der Lehrvertragsauflösungen in einem bestimmten Kalenderjahr ins Verhältnis zu den bestehenden Lehrverträgen (was die Quoten auf rund 10 Prozent sinken lässt).

Aber auch wenn diese leicht gestiegen sind: Alles entspricht dem nationalen Trend. In Basel-Landschaft zeigt sich das zum Beispiel an den Branchen, in denen am meisten Lehrverträge aufgelöst werden: In der Pflege und im Detailhandel ist die Fluktuation – wie überall – hoch, genauso wie bei den KVlern, der mit Abstand meistgewählten Lehre in der Schweiz.

Und auch bei den Gründen handelt es sich um Klassiker (und nicht um regionale Umstände): etwa die falsche Wahl von Beruf oder Lehrbetrieb, schlechte Leistungen, Gesundheit oder Pflichtverletzungen.

Alles in Ordnung also!

Grösseres Problem

Für den Kanton Basel-Landschaft: ja, durchaus. Denn wie das Bundesamt für Statistik auf Anfrage mitteilt, liegt die Abbruchquote mit 3,5 Prozent doch ziemlich deutlich unter dem nationalen Schnitt (4,4 Prozent).

Für den Kanton Basel-Stadt (und man hat es fast geahnt): nein, nicht wirklich. Denn wie das Bundesamt für Statistik auf Anfrage mitteilt, liegt die Abbruchquote mit 6,9 Prozent doch überaus deutlich über dem nationalen Schnitt von 4,4 Prozent.

Was liegt denn hier schon wieder im Argen?

Ulrich Maier, Leiter Berufs- und Mittelschulen des Erziehungsdepartements

Anruf bei Ulrich Maier, Leiter Berufs- und Mittelschulen des Erziehungsdepartements. Maier ist nicht gerade «begeistert» von der Quote bei Lehrvertragsauflösungen, aber auch er sagt: «Sie ist auch nicht dramatisch.» Was ihm Sorgen macht, und das ist sogar durch den Telefonhörer spürbar, ist die «hohe» Abbruchquote von 6,9 Prozent: «Diese Zahl ist Teil eines grösseren Problems: Wir haben in Basel-Stadt bei 25-Jährigen nur eine Sek-II-Abschlussquote von 85 Prozent. Die Gefahr, dass die 15 Prozent, die da durchs Raster gefallen sind, langfristig auf die Sozialsysteme angewiesen sind, ist enorm gross.»

«Es ist nicht gut, dass immer mehr Menschen viel Mühe bekunden, einfache, aber für eine Arbeit unerlässliche Voraussetzungen zu erfüllen: pünktlich sein, mit Kunden guten Kontakt aufbauen, seriöses Auftreten, ausreichend motiviert sein.»

Ulrich Maier, Leiter Berufs- und Mittelschulen des Erziehungsdepartements

Was Maier hier sagt, muss man sich noch einmal vergegenwärtigen: Nur 85 Prozent aller Basler haben mit 25 Jahren einen Lehr- oder Mittelschulabschluss, der sie für das Erwerbsleben qualifiziert. Das ist die tiefste Sek-II-Abschlussquote schweizweit. Deutschschweizer Schlusslicht ist man auch bei den erfolgreich abgeschlossenen Berufsausbildungen. Aber bei den Mittelschulen ist man dafür Spitzenklasse.

Für die Regierung heisst das, dass zu viele Schüler nicht «den für sie optimalen Bildungsweg wählen». Der renommierte Bildungsforscher Stefan Wolter hat das im «Nebelspalter» einmal anders, härter formuliert: «Basel-Stadt hat eine negative Korrelation: Eine hohe Gymnasialquote, aber schlechte Schüler.»

Oder muss man sich fragen: Basel-Stadt, ein Oxymoron, ein Hort der dummen Genies?

Unbefriedigende Divergenz

Natürlich nicht, und es gibt ja auch Erklärungen, warum die Leistungen so dürftig sind. In einem Stadtkanton gibt es sogenannte Risikofaktoren: Etwa späte Zuwanderung in die Schweiz oder fehlende Bildungsnähe der Familie – das reproduziert den schulischen Misserfolg, was man aus der Sozialhilfe weiss.

Das führt zu einer unbefriedigenden Divergenz. In einer Stadt gibt es viele mit enorm viel Bildung – und viele mit enorm wenig.

Maier ist sich bewusst, dass er hier den Stadt-Land-Unterschied ausspielen könnte, aber er will das gar nicht («darf uns nicht beruhigen»), sondern er sagt: «Es ist nicht gut, dass immer mehr Menschen viel Mühe bekunden, einfache, aber für eine Arbeit unerlässliche Voraussetzungen zu erfüllen: pünktlich sein, mit Kunden guten Kontakt aufbauen, seriöses Auftreten, ausreichend motiviert sein.» Trotz Fördermassnahmen gelinge es derzeit nicht, allen Jugendlichen die notwendigen Kompetenzen zu vermitteln.

Und dann schiebt er noch folgenden Satz nach: «Eine hohe Mittelschulquote hilft da auch nicht weiter.»

«Es ist so: Die meisten Lehrpersonen sind überzeugt, dass das Gymi der bessere Weg ist.»

Ulrich Maier, Leiter Berufs- und Mittelschulen des Erziehungsdepartements

Die Konsequenz: Der fehlende Fokus auf eine qualitative Berufslehre, das Augenmerk auf das Gymnasium – das bringt den Kanton Basel-Stadt in eine schwierige Lage. Maier weist etwa darauf hin, dass auch bei klassischen handwerklichen Berufen die Anforderungen «enorm gestiegen» seien. Also lässt sich schlussfolgern (und wird auch von der Wirtschaft bestätigt): Jene, die dafür die Intelligenz und das Interesse mitbringen würden, dümpeln – nicht selten überfordert – am Gymi herum …

Das liegt sicher am Druck der Eltern, der massiv zugenommen hat. Das bestätigt auch Maier. Er sagt: «Es ist möglich, Jugendliche von einer Berufslehre zu überzeugen, aber bei den Eltern schaffen wir das fast nicht mehr. Sie sehen im Gymi die grössere Sicherheit und auch einen Schonraum für ihre Kinder, bevor der Ernst des Lebens beginnt.»

Akademisches Umfeld

Aber es sind vor allem die Lehrer, die hier gefordert wären, den Trend aber nicht bremsen, sondern sogar beschleunigen dürften. Maier sagt: «Es ist so: Die meisten sind überzeugt, dass das Gymi der bessere Weg ist.»

Und er erklärt: Ihr Beziehungsnetz sei heute weniger verbindlich, die Vernetzung von Wirtschaft und Schule also nicht mehr so gut. «Früher hatten die meisten Lehrpersonen Kontakte in die Wirtschaft. Dann hiess es gern: Komm, gib dem eine Chance.» Solche Bürgschaften seien enorm wichtig, wenn jemand kein gutes Zeugnis habe. Aber Maier sagt: «Heute haben viele Lehrpersonen niemanden mehr, der eine Lehre gemacht hat, in ihrem Umfeld.»

Muss man sich da wundern, dass sich Schüler vorschnell für einen Beruf entscheiden, eine Stelle ohne schlechtes Gewissen wechseln, wenn der Wert der Berufslehre ihnen von den Lehrern gar nie vermittelt wird?

Ulrich Maier bringt es wohl auf den Punkt, wenn er sagt: «Im akademisch geprägten Basel werden Gymnasium und Universität überhöht. Das ist nicht zielführend.»

Und hat zur Folge, dass Basel-Stadt auch in einem weiteren Bildungsbereich mal wieder als Schlusslicht grüsst.

Verwandte Artikel

Um zeitgemäss unterrichten zu können, braucht es die Lehrmittelfreiheit

Im Kanton Bern gibt es nur drei obligatorische Lehrmittel: Die Passepartout-Reihe, das Englisch-Lehrmittel “New World” und das Mathbuch. Ruth Wiederkehr, Schulleiterin an einer Brennpunktschule in Biel, plädiert für eine weitgehende Lehrmittelfreiheit. In ihrem Beitrag blickt sie zurück und begründet, weshalb ein Obligatorium im Zeitalter der Standards und einer sich rasant veränderten Medienlandschaft nicht mehr zeitgemäss ist.

Die Schule braucht keine Digitalisierung um jeden Preis

Bei den Investitionen den Präsenzunterricht zu vernachlässigen wäre fatal. Die Schule braucht beides: Computer und hervorragende Lehrkräfte. Der Condorcet-Blog bringt eine gekürzte Fassung eines Kommentars von unserem Autor Hanspeter Amstutz, der kürzlich im Tagesanzeiger veröffentlicht wurde.

Ein Kommentar

  1. Z’Basel, jo am Rhy
    Nei das isch kai Sii
    In dr Schuel do goht fascht nüt
    Kumm ersch morn anstatt scho hütt
    Baasel, Baasel
    Tickt nid gliich wie d’Schwyz.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert