8. Dezember 2022

Die Volksschule als Tollhaus – Erlebnisbericht eines Elternpaars

Über die Schule wird viel geschrieben, meistens von Personen, die im Bildungsbereich arbeiten. Dieser Erlebnisbericht von Eltern gibt zu denken. Der Name ist der Redaktion bekannt.

Als Eltern von drei Kindern im Volksschulalter haben wir die heutige Volksschule seit 11 Jahren aus nächster Nähe miterlebt. Wir sind höchst besorgt darüber, wie sich die öffentliche Schule entwickelt. Auch wenn wir Verständnis haben für die grossen Herausforderungen durch Corona oder Flüchtlinge, wirken leider viele Probleme hausgemacht.

Wir haben in diesen Jahren bei den Lehrerinnen und Lehrern unserer Kinder die ganze Bandbreite zwischen «ausgezeichnet» und «katastrophal» angetroffen. Leider ist unserer Meinung nach der Anteil an nicht wirklich geeigneten Lehrkräften nicht einfach verschwindend klein.

Wenn man will, dass die eigenen Kinder etwas wirklich lernen, muss man sich zuhause darum kümmern. Das gilt z.B. sowohl für die Rechtschreibung als auch für das Einmaleins.

Eine Lehrerin der ersten Klasse hatte ein so schlechtes Deutsch, dass wir das Protokoll des Elterngesprächs, das auf einer A4-Seite über 20 Rechtschreibe- und Interpunktionsfehler aufwies, zurückweisen mussten. Am Elternabend scrollte die Lehrerin ihre Informationen in einem Worddokument mit Schriftgrösse 8 nach unten, Powerpoint oder andere Präsentationstools schienen komplett unbekannt zu sein. Am Besuchstag, der ein halbes Jahr zuvor angekündigt worden war, führte dieselbe Lehrerin eine Matheprüfung durch, als wir dort waren.

Kam am Besuchstag tatsächlich zum Einsatz.

Bei einem anderen Lehrer herrschte am Besuchstag das totale Chaos im Zimmer. Jeder machte, was er wollte, es herrschte ein grauenhafter Lärm im Klassenzimmer, es war unmöglich, konzentriert zu arbeiten. Und tatsächlich – der Pamir, den wir für eine mediale Übertreibung gehalten hatten, kommt wirklich zum Einsatz, wenn Kinder in Ruhe arbeiten wollen! Wir trauten unseren Augen nicht. An einem Besuchstag an der Oberstufe erteilte der Lehrer der Klasse einen zweistündigen Lektüre-Auftrag in Deutsch – ebenso eine grossartige Planung für einen Besuchstag!

Was uns immer wieder negativ aufgefallen ist: Wenn man will, dass die eigenen Kinder etwas wirklich lernen, muss man sich zuhause darum kümmern. Das gilt z.B. sowohl für die Rechtschreibung als auch für das Einmaleins. Konzentriertes, wiederholten Üben unter Anleitung der Lehrkraft scheint total aus der Mode gekommen zu sein. Im Deutsch auf der Primarstufe wurde vor allem betont, was die Kinder alles noch nicht können müssten – anstatt von Anfang an auf eine korrekte Schreibung zu achten und diese einzuüben. Man fragt sich dann als Eltern schon, wofür man Steuern bezahlt, wenn man nach dem Arbeitstag seinen Kindern noch Unterrichtsinhalte vermitteln muss, die im Unterricht nur gestreift wurden. Viele Eltern aus unserem Freundes- und Bekanntenkreis machen ähnliche Erfahrungen, darunter auch solche, die selber unterrichten.

Die Klasse umfasste gerade einmal 15 Schülerinnen und Schüler, aber der Lehrer merkte erst nach zwei Jahren, dass sie Basics der Mathematik nicht beherrschten?

Ein Lehrer der vierten Klasse schrieb am Ende des Schuljahres an alle Eltern, er sei total überrascht gewesen, wie schlecht die Klasse das Einmaleins beherrschen würde. Aber zum Glück würde das Leben ja nicht nur aus Zeugnissen bestehen. Was ist denn das für eine Aussage? Die Klasse umfasste gerade einmal 15 Schülerinnen und Schüler, aber der Lehrer merkte erst nach zwei Jahren, dass sie Basics der Mathematik nicht beherrschten? Ja, was hat dieser Lehrer denn im Unterricht gemacht, dass er das nicht früher gemerkt hat?

Eine Antwort darauf dürften nicht-altersgerechte Methoden sein. So wurde bereits in der dritten Klasse damit begonnen, Themen in verschiedene Dossiers aufzuteilen, von denen aber immer nur das erste als obligatorisch galt, der Rest, mit schwierigeren Aufgaben, als freiwillig. Nach Dossier 1 konnten die Kinder – wir reden von Neunjährigen – selbst entscheiden, ob sie die schwierigeren Dossiers noch lösen wollten. Alternative: etwas spielen! Folge: Die 10% der Leistungsstärksten, die sowieso «unkaputtbar» sind, lösen auch den Rest, die grosse Mehrheit aber spielt doch lieber, was völlig normal ist für neunjährige Kinder. Im Elterngespräch aber wird diesen Kindern dann vorgehalten, es würde ihnen an Selbstständigkeit fehlen oder es werden gar «Fördermassnahmen» vorgeschlagen. Alle etwas langsameren, verträumteren Kinder oder solche mit einer anderen Muttersprache bleiben in so einem System doch auf der Strecke. Vollkommen verrückt!

Der komplette Wahnsinn geht im Fach NMG ab. Dieses Fach ist so überladen, dass die Kinder schon mit 10 Jahren mit Dossiers aus dem Internet im Umfang von 40, 50, 60, 70 Seiten bombardiert und zugeschüttet werden.

Zum Thema (angebliche) Selbstständigkeit noch ein Beispiel: Der komplette Wahnsinn geht im Fach NMG ab. Dieses Fach ist so überladen, dass die Kinder schon mit 10 Jahren mit Dossiers aus dem Internet im Umfang von 40, 50, 60, 70 Seiten bombardiert und zugeschüttet werden. Gemeinsames Erarbeiten, Veranschaulichen, Besprechen im Unterricht weitgehend Fehlanzeige. Stattdessen sollen sie sich das «selbstständig» erarbeiten – was an Elternabenden gerne als «moderner Unterricht» verkauft wird. Viele der Unterlagen sind nicht im Ansatz kindgerecht. Die Kinder werden mit unzähligen Papierhaufen alleine gelassen. Wir haben den Eindruck, viele Lehrkräfte sind mit dem NMG-Lehrplan 21 selber überfordert und dann wird einfach irgendwas genommen, das irgendwo gefunden wird.

Den vielkritisierten Frühfremdsprachenunterricht haben wir als reine Geld- und Zeitverschwendung erlebt.

Den vielkritisierten Frühfremdsprachenunterricht haben wir als reine Geld- und Zeitverschwendung erlebt. Die Kinder können nach Jahren noch immer nichts, wirklich gar nichts. Ein Aufbau der Fremdsprache ist nicht erkennbar. Was wir nicht verstehen: Obwohl Lehrmittel wie «Mille feuilles» nicht mehr obligatorisch sind und viele Lehrkräfte sich im Gespräch über diese Lehrmittel beklagen, verwenden sie sie trotzdem weiter. Als «Begründung» müssen dann «Absprachen im Schulkreis» oder Ähnliches herhalten. Ja, wo ist denn da die Priorität? Bei irgendwelchen Absprachen oder beim Lernfortschritt der Kinder? Auch über das Mathebuch wurde wiederholt von den Lehrkräften geklagt, dennoch gebrauchen sie es immer weiter. Warum?

Ebenfalls unverständlich ist der übertriebene Teamgedanke unter den Lehrkräften. In allen Fächern zu allen Themen schreiben alle 6 Parallelklassen die gleichen Tests. Als Folge davon warten die Kinder dann bis zu 5 Wochen auf eine Testkorrektur, weil in irgendeiner anderen Parallelklasse irgendein Schüler noch diesen Test nachholen muss. Zu diesem Phänomen gehört auch, dass dann in den Tests Aufgaben auftauchen, die im Unterricht gar nicht vorgekommen sind. Wahrscheinlich, weil eben irgendeine andere Lehrkraft aus einer Parallelklasse den Test geschrieben (oder heruntergeladen) hat und nicht die «eigene» Lehrkraft einer Klasse.

Wen trifft die Schuld an diesen Zuständen? Wahrscheinlich sind viele daran beteiligt. Und durch den Mangel an Lehrkräften finden sich auch Personen an den Schulen, die dafür nicht geeignet sind. Das trifft auch auf die Schulleitungen zu. Innerhalb von 6 Jahren wird in unserer Gemeinde diesen Sommer die fünfte Schulleitung installiert. Googelt man den Namen des neuen Stelleninhabers, stösst man als erstes auf Schulen in anderen Kantonen, wo er entlassen wurde …

Wir halten die Volksschule für eine wichtige Institution. Leider haben wir zunehmend Verständnis für andere Eltern, die ihre Kinder auf Privatschulen schicken. Aber eigentlich kann das nicht die Lösung sein.

Ein Elternpaar aus der Deutschschweiz

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4 Kommentare

  1. Ein Bericht, der schonungslos ohne Polemik die Realität der “neuen pädagogischen Welt” aufdeckt. Allerdings sind die dargestellten Mängel schon oft festgestellt worden. Die Fachhochschuldozierenden und Behördenmitglieder werden seit Jahren damit konfroniert. Nehmen wir nur das Beispiel des Fremdsprachendebakels. Obwohl das Scheitern dieser Lehrmittel und ihrer Methode sogar wissenschaftlich einwandfrei erhärtet ist, zeigen die Verantwortlichen unglaubliche Renitenz. De jure wird Lehrmittelfreiheit gewährt, de facto wird das Untaugliche munter weiterverwendet mit fadenscheiniger Begründung. Wie wenn es darauf ankäme, dass alle im Schulkreis dasselbe Lehrmittel verwenden, wenn man mit diesem, wie die Eltern feststellen, “null und nichts” lerne.

  2. Westlich-europäische Wohlfahrtsstaaten sind Systeme der institutionalisierten Dekadenz. An Schule und Bildung zeigt sich dies in Leistungsvergleichen über die Zeit oder mit leistungsorientierten Kulturen seit Jahren in besonders klarer Weise. Nur sind halt die politischen Machtverhältnisse nun mal so. dass sich daran kaum etwas ändern lässt.

  3. Werter Herr Schmutz
    Welch riesige Überwindung, was denken Sie, hat dieses Elternpaar gebraucht, um mit dem CONDORCET-Blog an die Öffentlichkeit zu gelangen, um Verbündeten zu finden, die konkret mithelfen, die Verantwortlichen dieses Desaster in die Zange zu nehmen? Für diesen politischen Hosenlupf brauchen sie Unterstützung. Anscheinend ist der CONDORCET-Blog auch diesmal die falsche Adresse.
    Barbara Müller Gächter

  4. Was ich hier lese, ist tatsächlich haarsträubend. Lehrpersonen in diesem Bericht scheinen überfordert oder unfähig zu sein. Ebenso die Schulleitung. Aber die Flucht zu einer Privatschule ist keine Lösung: Es gibt keine Garantie, dass die Zustände dort besser sind! “Faule Eier” gibt es leider überall. Es bleibt der mühsame Weg über die Instanzen: Bei Fehlleistungen der Lehrperson zur Schulleitung, bei Fehlleistung der Schulleitung zur Schulkommission. Und dann zum Inspektorat. Das Ganze ist zur Zeit nicht einfach, da bekannntlich Lehrpersonen mit Ausbildung fehlen….Hier bremst und schlampt die bürgerliche Mehrheit des Grossen Rates seit Jahren bei den Anstellungsbedingungen; Lehrpersonen ohne Diplom verdienen 20% weniger – das kommt billiger! Daran wird die Volksschule noch jweit in die Zukunft leiden.

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