KV-Reform: «Eine Ausbildung muss machbar sein.»

BERUFSBILDUNG – Die beliebte KV-Lehre soll mit der Reform «Kaufleute 2022» neu konzipiert werden. Allerdings schiesst die Projektgruppe mit ihren Vorschlägen im Alleingang am Ziel vorbei und sieht ein viel zu kurzes Zeitfenster vor. Es regt sich Widerstand.

Urs Berger, Leiter Berufsbildung bei der Wirtschaftskammer Baselland: Es droht eine Zwei-Klassen-Gesellschaft.

Urs Berger, Leiter Berufsbildung bei der Wirtschaftskammer Baselland, ist skeptisch gegenüber der geplanten Reform der KV-Lehre. «Mit dieser Reform wird das weltweit geschätzte Schweizer Bildungssystem aufs Spiel gesetzt», sagt er. Die Reform berücksichtige die Bedürfnisse der Wirtschaft nicht, nehme zu wenig Rücksicht auf die digitalen Anforderungen, die in den nächsten Jahren wachsen würden, und führe zu einer Zwei- Klassen-Gesellschaft, sagt Berger.

Ausserdem verfolge die Reform, die seit 2018 von der Konferenz der kaufmännischen Ausbildungs- und Prüfungsbranchen (SKKAB) vorbereitet wird, einen viel zu engen Zeit- plan. Die Einführung der Neuerungen ist, wie der Arbeitstitel des Reformpakets «Kaufleute 2022» ankündigt, bereits auf das Schuljahr 2022/2023 geplant. «Für eine solide Überarbeitung müssen mindestens fünf Jahre eingeplant werden. So etwas macht man nicht einfach so im Schnellzugstempo und mit der Dampfwalze», findet Berger.

«Vor den Kopf gestossen»

Ihn stört auch, dass die Reform «in der stillen Kammer» erarbeitet wird und komplett an den Bedürfnissen der Wirtschaft vorbeiführt. «Die Ausbildungsverantwortlichen und ihre Betriebe sowie die Lernenden fühlen sich vor den Kopf gestossen.» Bis am Dienstag dieser Woche konnten interessierte Kreise gegenüber der SKKAB Rückmeldungen zur geplanten Reform geben. Die negativen Reaktionen sind dabei kaum zu überhören. Auch das Baselbiet hat sich innerhalb des Bildungsrates und der zuständigen Regierungsrätin und Bildungsdirektorin Monica Gschwind kritisch geäussert.

So etwas macht man nicht einfach so im Schnellzugstempo und mit der Dampfwalze.

Der Gegenwind bläst durchaus aus der ganzen Schweiz. Der Aargauer Regierungsrat Alex Hürzeler erachtet einige angedachte Reformpunkte als «nicht haltbar», grosse Skepsis kommt auch aus den Reihen von Zürcher Wirtschafts- und KV- Schulen. «Die Reform ist ein Lehrstellen-Killer», sagte jüngst eine Fachfrau der betrieblichen Ausbildung, die nicht namentlich genannt werden wollte, gegenüber dem Portal «Watson». Dass sie sich anonym äussert, habe mit einem Maulkorb zu tun, der den Lehrkräften der Zürcher KV-Schulen in dieser Problematik offenbar angehängt worden sei, wie «Watson» berichtet.

Erschwerter Zugang

KV-Reform: Zu wenig Rücksicht auf die schwächeren Schülerinnen und Schüler.

Störend an der Reform ist einerseits der erschwerte schulische Zugang zu einer dreijährigen KV-Lehre, da die Anforderungen an die Minimalnoten erhöht werden. Daniela Schüpbach, Leiterin der KMU Lehr- betriebsverbund AG, erachtet diese Schwelle als problematisch. «Es gibt neben den Noten andere Kriterien wie die Sozialkompetenz oder die praktischen Fähigkeiten, die es zu berücksichtigen gilt.» Berger ergänzt, dass die Reform zu einer «Zwei-Klassen-Gesellschaft» führen wird und es schulisch schwächeren Kandidaten oder «Spätzündern» künftig kaum mehr möglich sein würde, überhaupt eine Ausbildung «Kaufmann/frau» mit EFZ-Abschluss zu starten. Es müsse möglich bleiben, dass sich die Jugendlichen innerhalb ihrer Ausbildung entwickeln können. «Eine Lehre muss machbar bleiben und beidseitig zu einem Erfolgserlebnis führen.»

Kompetenzen statt Fachwissen

Kritik gibt es auch am Vorhaben, wichtige Kernfächer einer KV-Ausbildung künftig durch sogenannte Handlungskompetenzen zu ersetzen, die sich zum Beispiel «Gestalten von Kunden- und Lieferantenbeziehungen» oder «Interagieren in einem vernetzten Arbeitsumfeld» nennen. Das Finanz- und Rechnungswesen jedoch soll künftig kein Pflichtfach mehr sein, und nur noch eine Fremdsprache wäre obligatorisch.

Deutsch steht gar nicht mehr auf dem Lernplan, dafür wird bei den Zulassungsvoraussetzungen «sehr gutes Deutsch» verlangt. Diese Entwicklung wird von vielen skeptisch beäugt, da sie die eigentlichen Grundbedürfnisse im kaufmännischen Bereich in den Hintergrund rückt. «90 Prozent der Ausbildungs- betriebe sind einfache KMU, deren Anforderungen es zu berücksichtigen gilt», sagt Urs Berger. Er fordert deshalb einen viel umfassenderen und vertieften Reformentwicklungsprozess unter Einbezug aller Player, der auch die stärkeren Anforderungen an die digitalen Kompetenzen berücksichtigt.

Im Jahr 2019 haben gesamtschweizerisch rund 13 000 Lernende in 21 verschiedenen KV-Berufen eine Ausbildung in Angriff genommen, dieser Ausbildungsweg ist nach wie vor äusserst beliebt.

Einfluss auf Ausbildungsbetriebe

Klar ist für ihn, dass selbst ein auf 2023 verschobenes Reformziel zu knapp bemessen ist. Neben der Wirtschaft ist, nimmt man das bisherige mediale Echo wahr, auch die Lehrerschaft im KV-Bereich kaum in den Reformprozess einbezogen worden.

Im Jahr 2019 haben gesamtschweizerisch rund 13 000 Lernende in 21 verschiedenen KV-Berufen eine Ausbildung in Angriff genommen, dieser Ausbildungsweg ist nach wie vor äusserst beliebt. «Die Ideen der Reform würden die KV-Lehre erheblich abwerten», ist Urs Berger überzeugt. Und die aktuellen Unsicherheiten könnten auch auf die Lehrbetriebe den negativen Einfluss ausüben, dass diese eher auf KV-Lernende verzichten würden, wenn sie die Rahmenbedingungen nicht genau kennen und ihre eigenen Bedürfnisse zu wenig gut abgedeckt sind. Die Baselbieter Wirtschaft habe trotz Coronakrise ihre Verantwortung wahr- genommen und bietet auch 2021 genügend Lehrstellen an. Dies aufs Spiel zu setzen, sei unverständlich, findet Berger. «Die Reformgruppe hat die aktuelle Situation nicht erkannt.»

Daniel Schaub

Hinweis: Dieser Artikel ist zuerst im «Standpunkt der Wirtschaft», der Zeitung für KMU erschienen (Standpunkt-Ausgabe Nr. 520 vom 23. April 2021)
https://publikationen.kmu.org/standpunkt-520-23-april-2021/65550899

Verwandte Artikel

Bildungsgerechtigkeit entsteht in der Praxis

In seinem Condorcet-Beitrag beklagt Prof. Tobias Straumann, Universität Zürich, die fehlende Chancengleichheit in der Schweiz. Sie sei, so hält er apodiktisch fest, „schwach entwickelt“. Gleichzeitig wissen wir, welch wichtige Rolle Lehrpersonen für Kinder und Jugendliche spielen, wenn es um die vielzitierte Chancengleichheit bei ungleichen Startchancen geht. Doch darüber schweigt sich Straumann aus. Eine Spurensuche von Condorcet-Autor Carl Bossard, der vieles seinen Lehrerinnen und Lehrern verdankt.

1 Kommentar

  1. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn die Wirtschaft Zetermordio schreit, weil sie mit der Kompetenzorientierung nun exakt die Medizin verschrieben bekommt, die sie 20 Jahre zuvor über die OECD ungefragt den öffentlichen Schulen zwangsverordnete.

    In der Wirtschaft wie im Bildungsbereich gibt es augenscheinlich übereifrige Fantasten, die sich im Sinne des Peter-Prinzips dermassen weit von der Basis entfernt haben, dass sie in ihrem strebsam erklommenen Gefilde der Inkompetenz nicht mehr wissen, was für ihre angestammte Branche gut, bzw. schlecht ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.