22. April 2021

Wirksamkeit des digitalen Unterrichts auf dem Prüfstand

Hanspeter Amstutz hat den Disput zwischen Annemarie Aeschbacher und ihrem Schulhauskollegen Alain Pichard mit grossem Interesse gelesen. Er findet diese Diskussionen sehr wichtig und wünscht sich, dass diese in den Kollegien wirklich stattfinden.

Hanspeter Amstutz:
Bild: Fabü

Als Zuschauer im Lehnsessel bin ich wenig legitimiert, über Sinn und Unsinn des Fernunterrichts zu urteilen. Dennoch hat mich der freundschaftliche Disput zwischen Alain Pichard und seiner Lehrerkollegin Annemarie Aeschbacher angeregt, ein paar Gedanken dazu zu äussern. Offensichtlich hat die Frage der Qualität des Fernunterrichts die Bildungspolitik elektrisiert. Die einen forderten nach dem ersten Lockdown die sofortige Nachrüstung aller Schulen mit Tablets für jeden Primarschüler, andere sprachen gar von einer digitalen Revolution, welche die Volksschulbildung in die Zukunft katapultieren werde. Bedenkenlos wurde das pädagogische Geschehen in den Schulzimmern mit der erfolgversprechenden Digitalisierung in der Wirtschaft gleichgesetzt.

Riesige Heilserwartungen

Die Heilserwartungen an neuen digitalen Lernformen waren teils riesig. Reportagen über Klassen im ferngesteuerten Unterricht füllten die Gazetten. Bemerkenswert war, wie engagiert die Lehrerschaft in der Phase des Fernunterrichts die hohen Erwartungen mit grossem Mehraufwand zu erfüllen versuchte. Man war bemüht, die vielen Kompetenzziele des Lehrplans trotz Corona zu erreichen.

Aufwertung der Schule als Ort des gemeinsamen Lernens

Ernüchterung machte sich breit

Doch dann kam die Ernüchterung. Immer mehr drang durch, dass im Fernunterricht die tollen Bildungsziele kaum erreicht wurden. Neue Inhalte konnten schwächeren Kindern via Bildschirm nur schwer vermitteln werden und viele Schüler hängten beim Lernen gar völlig ab. Für erfahrene Lehrpersonen waren diese Erkenntnisse keine Überraschung. Ihre Bedenken, dass ein weitgehend digitalisierter Unterricht in zentralen Bereichen mit einem lebendigen Klassenunterricht im Schulhaus nicht mithalten konnte, wurden aber lange Zeit nicht Ernst genommen. Es brauchte die viel zitierte niederländische Studie und den überraschenden Aufschrei fast aller Kinder nach „richtiger“ Schule, um eine kritische Sicht auf den digitalisierten Unterricht zu bewirken.

Die Geborgenheit in der Dynamik einer Klasse, wo wie auf einer Theaterbühne Kommunikation mit Worten und Mimik stattfindet, ist für junge Menschen zentral.

 

Pädagogik muss Vorrang haben.

Corona hat den Wert der Schule als Ort des Miteinanders und des anregenden Lernens vielen wieder bewusst gemacht. Die Geborgenheit in der Dynamik einer Klasse, wo wie auf einer Theaterbühne Kommunikation mit Worten und Mimik stattfindet, ist für junge Menschen zentral. Es geht dabei mehr als nur um das Erreichen von messbaren Lernzielen. Die gemeinsame Auseinandersetzung mit einem bewegenden Thema, sei es in einer Geschichtsstunde, bei einer dramatischen Ballade oder bei einer komplexen Matheaufgabe ist im realen Klassenunterricht weit wirkungsvoller als bei einer Vermittlung am Bildschirm. Lehrpersonen sehen unmittelbar, wie ein Lernprozess verläuft und wo sie nachhaken müssen. Für einen Lehrer wie Alain Pichard, der auf der breiten Klaviatur des lebendigen Unterrichtens zu spielen weiss, ist deshalb der Präsenzunterricht das unverzichtbare Element für gelingendes Lernen.

Zu Recht können diese Teams für sich beanspruchen, ein Stück weit aufgezeigt zu haben, dass man die digitale Selbständigkeit mancher Jugendlicher gezielt fördern kann.

Bessere digitale Kompetenzen als Nebeneffekt des Fernunterrichts

Damit nehme ich aber die Einwände seiner Kollegin keinesfalls auf die leichte Schulter.

Sie hat im Fernunterricht, wie sie selber schreibt, weit mehr Aufwand betrieben als im regulären Unterricht. Dabei stellte sie fest, dass bei einigen Schülern der Fernunterricht ganz gut ankam. Deshalb versteht man ihre Frustration, wenn nun in den jüngsten Presseberichten kaum ein gutes Haar an den hart erarbeiteten Notprogrammen digital kompetenter Schulteams gelassen wird. Zu Recht können diese Teams für sich beanspruchen, ein Stück weit aufgezeigt zu haben, dass man die digitale Selbständigkeit mancher Jugendlicher gezielt fördern kann.

Wenn eine Unterstufenlehrerin ihre erfolgreiche konventionelle Methode zugunsten eines eingekauften Lernprogramms aufgeben muss, nur damit die teure digitale Infrastruktur amortisiert werden kann, wird es bedenklich.

Die Diskussion wird sich nach Corona weniger um das Szenario einer nächsten Fernunterrichtsphase drehen als um die generelle Frage nach der Wirksamkeit eines weitgehend digitalisierten Unterrichts. Viele Schulgemeinden haben bereits beschlossen, schon ab der Primarschule die Kinder mit Tablets auszurüsten. Das ist an und für sich nicht schlecht, wenn die Lehrerschaft überzeugt ist, dass schon Drittklässler dank diesen Geräten in ihrer schulischen Entwicklung besser vorankommen. Doch da scheiden sich die Geister. Wenn eine Unterstufenlehrerin ihre erfolgreiche konventionelle Methode zugunsten eines eingekauften Lernprogramms aufgeben muss, nur damit die teure digitale Infrastruktur amortisiert werden kann, wird es bedenklich. Digitalisierung darf nicht zu einer de facto eingeschränkten Methodenvielfalt führen und kompetente Lehrpersonen mit unhaltbaren Fortschritts-Dogmen unter Druck setzen.

Pädagogische Überlegungen bei der Digitalisierung haben Vorrang

Thema völlig politisiert

Annemarie Aeschbacher hat recht, wenn sie beklagt, dass die Digitalisierung längst zu einem Politikum geworden ist. Es droht zurzeit ein aufwändiger Wettbewerb um digital bestausgerüstete Schulen, ohne zu hinterfragen, welche pädagogischen Leitbilder denn eine digitalisierte Schule prägen sollen. Diese Frage muss in erster Linie von der aktiven Lehrerschaft selber beantwortet werden und kann weder der digitalen Bildungsindustrie noch umtriebigen Schulpolitikern überlassen werden.

Ich hoffe, dass der freundschaftliche Disput in Orpund und Streitgespräche in andern innovativen Schulteams richtig Fahrt aufnehmen. Die Öffentlichkeit soll wissen, dass es starke Bestrebungen in der Lehrerschaft gibt, die Wirkung digital gesteuerter Lernprozesse nüchtern zu prüfen und nur das zu übernehmen, was einen pädagogischen Mehrwert bringt.

 

 

 

 

 

 

 

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1 Kommentar

  1. Man muss zwischen Fernunterricht und digitalem Unterricht unterscheiden. Digitaler Unterricht kann auch im Schulzimmer erfolgen und ist dann nur bedingt mit dem Fernunterricht vergleichbar. Fernunterricht gibt es schon viel länger als Computer und funktioniert deshalb auch ohne Computer. Die pädagogische Begleitung und Lernerfolgskontrolle unterscheidet den Fernunterricht wiederum vom Selbststudium. Fernlehrgänge umfassen meistens regelmässige Präsenzseminare oder Prüfungsvorbereitungsseminare. Sie werden normalerweise von Erwachsenen absolviert, die sich im Beruf weiterbilden wollen. Es sind meistens Notlösungen, wenn der Weg zum Ausbildungsort zu lang ist. Probleme beim Fernunterricht für Erwachsene sind Motivationsschwierigkeiten, mangelnde Ausdauer, ungenügende Selbstorganisation usw. Fernkurshefte und Bücher müssen viel kleinschrittiger aufgebaut werden, als beim Präsenzunterricht, dadurch dauert das Lernen länger.

    Die Anforderungen an Kinder und Lehrer sind beim Fernunterricht viel höher als beim Präsenzunterricht, weil die schulischen Grundlagen gelegt werden müssen, auf denen erst aufgebaut werden kann. Da auch hier die Lernschritte angepasst werden müssen, muss für das Lernen mehr Zeit einberechnet werden. Ein gutes Übungsfeld für den Fernunterricht sind die verpönten Hausaufgaben, weil es dort auf Motivation, Ausdauer und Selbstorganisation ankommt. Wer mit den Hausaufgaben nicht zurecht kommt, wird auch Mühe beim Fernunterricht haben.

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