11. August 2020

Ein Stuhl lässt sich nicht googeln: Es ist Zeit, dass wir wieder nach den Dingen greifen, die uns umgeben

Der Physiker Edouard Kaeser weiss, was Materie bedeutet, der Philosoph Edouard Kaeser sieht das stoffliche Abrücken und erkennt seine Konsequenzen und der Musiker Edouard Kaeser spielt auf der Klaviatur der Materie.

«One and Three Chairs» ist ein Kunstwerk von Joseph Kosuth aus dem Jahre 1965. Bild: Moma
Edouard Kaeser ist Physiker, Philosoph, Jazzmusiker und freier Publizist. Er schrieb auch im Einspruch.

Nicht der Apparat, die ganze Welt ist fernbedient. Währenddessen verlernt der Mensch, was man Material-Intelligenz nennen könnte: eine vitale Direktheit zum Stoff, Kenntnis und Gespür für das Woraus der Dinge. Aufgrund der schieren Komplexität moderner Produktionsprozesse sind sogar diejenigen Leute, die professionell mit Materie betraut und vertraut sind, zu Spezialisten geworden. Sie haben vielleicht ein vertieftes, aber dadurch verengtes Wissen.

Und wie muss es erst um den gewöhnlichen Konsumenten stehen? Wer irgendein Objekt im Supermarkt in den Händen hält, weiss kaum, woraus es besteht, wie es hergestellt, verpackt, verteilt worden ist. Es gibt in dieser totalen Zirkulation der kommerzialisierten Materie keine Perspektive, die einen Blick aufs Ganze gestattete, weder in der Fabrikhalle noch im Chefbüro. Die gesamten Produktions- und Distributionsnetze sind zum Mysterium, wenn nicht Geheimnis geworden.

Junge Leute bilden heute vorzugsweise nicht ihre manuellen, generell körperlichen Fähigkeiten, sondern ihre computeradaptierten Kompetenzen aus, und sie nennen sich dann flott und forsch «knowledge worker».

Entmaterialisiertes Wissen

Man beobachtet dieses Abrücken von der stofflichen Welt offenkundig genug in den modernen Arbeitswelten, die auf vielen Gebieten nicht einen Umgang mit dem Material erfordern, sondern mit der Information über das Material. Entsprechend betreibt man eine Berufsförderung, die von jeglicher Material-Intelligenz wegführt.

Junge Leute bilden heute vorzugsweise nicht ihre manuellen, generell körperlichen Fähigkeiten, sondern ihre computeradaptierten Kompetenzen aus, und sie nennen sich dann flott und forsch «knowledge worker». Arbeit am Wissen – das heisst primär: an Information – gilt als hochwertig, nicht aber die handwerkliche Arbeit am Material.

Zwischen der Intelligenz, die sich mit Information beschäftigt, und der Intelligenz, die sich mit Material beschäftigt, scheint sich eine Kluft aufzutun. Und das ist ein Problem.

Ein Meisterwerk der Konzeptkunst aus dem Jahr 1965 vermag es zu veranschaulichen: Joseph Kosuths Installation «One and Three Chairs» ist höchst simpel. Ein Klappstuhl steht vor einer weissen Wand, daran aufgehängt sind ein Foto dieses Stuhls in gleicher Grösse und eine Lexikon-Definition des Wortes «Stuhl». Die Bedeutung des Titels ist offensichtlich: ein materielles Ding und drei mögliche Arten seiner Wiedergabe; erstens als das Ding selbst, zweitens als die fotografische und drittens als die lexikografische Repräsentation – sozusagen Stufen der semiotischen Entmaterialisierung.

Wer beansprucht den grössten Platz?

Kosuths Installation ist ein Sinnbild unserer heutigen Lage. Mit ihm lässt sich eine kleine informationstheoretische Überlegung anstellen. Wenn wir die drei Objekte in Bit-Folgen übersetzen müssten, welche würde im Computerspeicher den grössten Platz beanspruchen? Für die Wortfolge genügten ein paar Kilobytes. Die Pixelmenge des Bildes würde bei hoher Auflösung im Bereich der Megabytes liegen. Aber der Stuhl selbst entspricht einer unbestimmt grossen Zahl an Bytes. Wie wollte man sie erfassen? Noch der exakteste digitale Scan tastet Oberflächen ab, und auch diese nur mit einer bestimmten Wiedergabetreue.

Ein Stuhl ist ein Stuhl ist ein Stuhl

Hinzu kommt die phänomenologische Dimension des Stuhls. Er lässt sich ja aus unzähligen Perspektiven wahrnehmen. Er spricht durch seinen Stil zu uns. Er erzählt uns vielleicht eine Geschichte. Und selbst wenn es uns gelänge, ihn als Aggregat von Atomen in ein Aggregat von Bits zu übersetzen, fehlte das Entscheidende: seine Stabilität, die Haptik seiner Oberfläche, eben dieses Gefühl, wenn man auf ihm sitzt – kurz, seine ganze digital unerfassliche und unübersetzbare Materialität. Ein Stuhl ist nicht eine Sammlung von Informationen. Er lässt sich nicht googeln. Ein Stuhl ist ein Stuhl ist ein Stuhl. Eine umwerfende Trivialität, von akuter Brisanz.

Material-Intelligenz ist ästhetische Intelligenz. Ästhetik nicht einfach im verengten Sinn des «Schönen», sondern in der alten und weiten Bedeutung des griechischen «aisthesis», also der sinnlichen und unsinnlichen Wahrnehmung, zumal des Achtens und Aufmerkens, des Gereizt- und Betroffenwerdens. Wenn man die Ästhetik der inszenierten Materialität im heutigen Konsum-Universum betrachtet, dann stellt man fest, dass diese «aisthesis» weitgehend fehlt.

In der hochgradigen Überreizung der Warenwelten werden wir zu dieser Stumpfheit konditioniert.

Zwar inszeniert eine einschlägige Architektur in den Städten glamouröse Materialschlachten, aber sie hat oft die Tendenz zur Überwältigung und Betäubung. Das Material sagt uns nichts, berührt uns buchstäblich nicht. Es fördert nicht Material-Intelligenz, sondern geradezu eine Material-Stumpfheit. In der hochgradigen Überreizung der Warenwelten werden wir zu dieser Stumpfheit konditioniert.

Ich hüte ich mich vor einer pauschalen Kritik. Es gibt eine Menge material-intelligenter Architektur, von Herzog & de Meurons Architekturen bis zu den Häusern des indischen Pritzkerpreisträgers Balkrishna Doshi. Material-Stumpfheit aber ist das Symptom einer endemischen Entfremdung des Menschen vom Stoff in technisierten Lebenswelten.

Man achte einmal darauf, wie Kinder mit der Materie spontan umgehen. Sie wühlen im Sand, graben im Schnee, türmen Steine aufeinander, kneten Lehm, brechen Holz, zerbröseln Kreide, knüllen Blätter zusammen, sie nehmen alles, was ihnen begegnet, in die Hände oder in den Mund – die Dinge sind ein einziger Infektionsherd der Material-Neugier.

Lernen am Material

Wühlen, graben, knüllen, kneten

Unser Gehirn entwickelte sich im Umgang mit materiellen Dingen. Man achte einmal darauf, wie Kinder mit der Materie spontan umgehen. Sie wühlen im Sand, graben im Schnee, türmen Steine aufeinander, kneten Lehm, brechen Holz, zerbröseln Kreide, knüllen Blätter zusammen, sie nehmen alles, was ihnen begegnet, in die Hände oder in den Mund – die Dinge sind ein einziger Infektionsherd der Material-Neugier. Schon früh erstickt man heute allerdings diese wunderbare Naturgabe mit einem flachen Gerät, das zu berühren ironischerweise die Berührung mit der Welt unterbindet.

 

Ich plädiere für einen stillen Haltungswandel. Er würde aus blossen Nutzern Kuratoren der banalen Dinge machen: Unsere Gebrauchsgegenstände, Kleider und Nahrungsmittel sind vielleicht nichts Besonderes, aber sie prägen uns seit der Kindheit. Genau diese unscheinbare Haltung trägt zum ökologischen Respekt bei, den wir unserem Planeten schulden, zum Bewusstsein, dass die Dinge um uns nicht nur aus synthetischen Stoffen, sondern auch aus Zellulose, Erz, Mineralien, Erdöl, Wasser bestehen.

Nichts wird verstanden, was nicht zuerst in den Sinnen war.

Dazu gehört nicht zuletzt ein Bewusstsein für das nicht mehr benutzte Material: den Müll. Er spiegelt augenfällig genug die Material-Stumpfheit in der postindustriellen Gesellschaft – quasi das Pendant zur anderen, nicht weniger plakativen Material-Stumpfheit, die sich im Stoff-Feti­schis­mus luxurierender Markenprodukte aufspielt. Und die ganze gepimpte Armatur an Apps und Gadgets erweist sich im Grunde als technisch erweiterte Beschränktheit.

Nichts wird verstanden, was nicht zuerst in den Sinnen war. Zu dieser alten aristotelischen Lehre empfehle ich ein einfaches Exerzitium: Stehen Sie von Ihrem Stuhl auf, unternehmen Sie einen kleinen Spaziergang, bewusst als Tour zum Erkunden der Dinge. Wählen Sie ein konsumverlassenes Territorium. Nehmen Sie die Dinge, denen Sie begegnen, in die Hand.

Fischen Sie einen Kiesel aus dem Bach, pulen Sie ein Moosstück aus einer Mauerritze, heben Sie das verdrehte Holzstück, den PET-Flaschen-Deckel, den Bügelverschluss einer Bierflasche auf, und schenken Sie für einen Moment Ihre ganze Aufmerksamkeit diesem «nicht besonderen» Fund. Beten Sie still für sich: Das ist Materie! Das ist Materie! Das ist Materie!

Wenn Sie Glück haben, trifft es Sie wie ein Schock. Er hat die Wucht einer existenziellen Umkrempelung. Sie kommen auf die Welt, in der Sie immer schon gelebt haben.

Edourad Kaeser

Dieser Artikel ist zuerst in der NZZ (23.7.20) erschienen

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