14. Oktober 2019

Die eigentliche Bildungskatastrophe interessiert kaum jemanden.

Den Beitrag von Hans Joss (Analyse eines Bla-Bla-Dokuments) hat Condorcet-Autor Alain Pichard zum Anlass genommen, über seine Erfahrungen mit dem Illetrismus in der Praxis zu berichten. Sehr nah am Geschehen und durchaus selbstkritisch behandelt er das Problem, das scheinbar kaum jemanden interessiert, aber eigentlich einer Katastrophe gleichkommt.

Bield: AdobeStock
Alain Pichard, Sekundarlehrer in Orpund, Mitglied der GLP, Mitherausgeber der Zeitschrift Einspruch, Mitinitiant der Aktion 550gegen550.

Vor drei Jahren erwischte es mich auch. Ich hatte in der 9. Klasse einen Schüler, der nicht richtig lesen und schreiben konnte. Ich bemerkte es erst, nachdem er schon zwei Jahre von mir unterrichtet worden war. Und auch als ich es realisierte, hatte ich kaum Zeit, mich richtig um ihn zu kümmern. Eine relativ schwierige Klasse mit vielen psychischen Problemen, der Betroffene, der alle Hilfestellungen unterlief und mit vielen Kurzabsenzen jeden Lauf unterbrach, und … ich muss es zugeben, meine Tätigkeit im Bieler Stadtrat sorgten dafür, dass er die Masse der Illettristen im Kanton Bern verstärkte. Nach Hans Joss, dem ehemaligen Präsidenten der Vereinigung von „Lesen und Schreiben“, beträgt diese Zahl zurzeit 70’000. Illettristen sind Menschen, die nicht richtig lesen und schreiben können. Früher nannte man sie funktionale Analphabeten. Unser Schulsystem entlässt pro Jahr ca. 16-20% junger Menschen, welche die Grundkompetenzen im Lesen und Schreiben nicht beherrschen.

Nun wird sich der geneigte Leser und Steuerzahler sicher fragen, wie es denn sein kann, dass in den rund 14’000 Lektionen, die ein durchschnittliches Kind bei uns in die Schule geht, Menschen entlassen werden, die am Schluss nicht lesen und schreiben können.

Hans Joss
Bild: Der Bund

Für Hans Joss, einer der Linken, die mich wehmütig an die Zeit erinnern, in welcher die SP nicht neue Bürogebäude für ihre Genossen forderte, sondern sich wirklich für die Bedürfnisse des Kindes einsetzte, ist dies eine Bildungskatastrophe. Er hat recht.

Es bedarf nämlich keiner dramatischen Worte, um das Elend und die Verzweiflung dieser späteren Erwachsenen nachvollziehen zu können, die sich durch das Leben „mogeln“, immer in panischer Angst, entdeckt zu werden.

Nur scheint dies niemanden richtig zu interessieren. Die Erziehungsdirektoren, welche derzeit mühsam den totalen Bankrott von Frühfranzösisch und Passepartout-Didaktik verschleiern wollen, scheinen diese Misere achselzuckend zur Kenntnis zu nehmen. An die 100 Millionen Franken wurden für ein wirkungsloses Frühsprachenkonzept ausgeben, während gleichzeitig ein Fünftel unserer Jugendlichen die Schule ohne richtige Lese- und Schreibkompetenzen verlässt. Und auch die Tatsache, dass Finnland seinen Anteil an Illettristen auf lediglich 5% veranschlagt, sorgt nirgends für Aufsehen.

Die belgischen Fachleute wurden eingeflogen, es gab eine sündhaft teure Simultanübersetzung und die umwerfende Erkenntnis der Tagungsleiterin Afra Sturm lautete: „Wenn das Kind zu wenig Unterstützung von den Eltern hat, wird es schwierig“. Bezahlt wurde dieser Spass vom Bundesamt für Kultur.

Der Bericht des Verbandes der Volkshochschulen zum Illetrismus

Ganz stimmt meine Analyse natürlich nicht. Es gibt durchaus Menschen, die sich für diese Menschen interessieren.  Mit dem Verband der Schweizerischen Volkshochschulen wittern eifrige Vertreter wieder einmal eine interessante Einnahmequelle. Sie bekämpfen den Illetrismus mit Konzepten und ellenlangen Blabla-Papieren, wie es Hans Joss in seinem Beitrag auf dem Condorcet-Blog meisterhaft analysiert. Andere Experten betrachten die unglücklichen Menschen als Forschungsobjekt und führen ab und zu Tagungen zu diesem bedrückenden Thema durch. An der 10. Illettristen-Tagung, die vor zwei Jahren in Bern stattfand, trafen sich 80 solcher Experten. Hauptthema diesmal: Illettrismus in Belgien. Die belgischen Fachleute wurden eingeflogen, es gab eine sündhaft teure Simultanübersetzung und die umwerfende Erkenntnis der Tagungsleiterin Afra Sturm lautete: „Wenn das Kind zu wenig Unterstützung von den Eltern hat, wird es schwierig“. Bezahlt wurde dieser Spass vom Bundesamt für Kultur.

Lehrpersonen waren an dieser Tagung übrigens nicht dabei. Offensichtlich interessiert dieses präventionsfreudige Milieu gar nicht, was denn in den neun, Entschuldigung, in den elf Schuljahren (neue Lehrplanterminologie) passiert.

Dabei wäre hier die «Wurzel des Übels» anzutreffen. Denn wenn das teuerste Schulsystem der Welt, das im Lehrplan 21 zwar über 2000 Kompetenzziele vorgibt, nicht garantieren kann, dass die Jugendlichen grundlegende Kompetenzen, nämlich lesen und schreiben zu können, erreichen, dann erschüttert dies das Fundament des Prinzips öffentlicher Bildung.

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Es würde mich nicht wundern, wenn ein  Anwalt mit den Geprellten unseres Schulsystems einmal eine Sammelklage prüfen würde. Absurd? Wer hätte vor 30 Jahren gedacht, dass sich die ehemaligen Verdingkinder heute mit dem Staat um Entschädigungszahlungen streiten.

Spätestens in diesem Fall müsste sich übrigens auch der Verfasser dieser Zeilen unangenehme Fragen gefallen lassen. Wenn er weniger Kolumnen geschrieben, weniger im Stadtrat herumpolitisiert und sich stattdessen mehr um den ihm anvertrauten Schüler gekümmert hätte, gäbe es heute vielleicht einen Illetristen weniger in der Schweiz.

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1 Kommentar

  1. Einen gewissen Anteil an Illetrismus hat es schon immer gegeben. Neu ist, dass unser Schulsystem nach 9 Schuljahren in vielen Kantonen über 20% junge Menschen entlässt, welche die Grundkompetenzen im Lesen und Schreiben nicht beherrschen, Tendenz steigend.

    Wie konnte es soweit kommen, was hat sich geändert? Der Anteil an Kindern aus fremdsprachigen Elternhäusern hat in vielen Schulklassen massiv zugenommen, nicht selten stellen sie die Mehrheit. Das ist zum Beispiel in Finnland nicht der Fall. Dadurch und mit der flächendeckenden Integration, dem altersdurchmischten Lernen usw. hat die Heterogenität im Klassenzimmer massiv zugenommen.

    Mit den vielen Schulreformen ist man vom bisherigen Ziel der Homogenität im Klassenzimmer, der Voraussetzung für einen gemeinsamen Klassenunterricht, weit abgekommen, was die Arbeit der Lehrer sehr erschwert und die Schulqualität sinken lässt.

    Früher war es das Ziel der Lehrer, mit der Klasse das Stoffziel zu erreichen, so dass der Kollege mit den Schüler in der nächsten Klasse kein Stoff repetieren musste. Schüler konnten nur in die nächste Klasse wechseln, wenn sie genügende Noten hatten, sonst mussten sie repetieren.

    Für Schüler, die schlecht gestartet waren oder schlechte Sprachkenntnisse hatten, gab es Kleinklassen, Einführungsklassen, heilpädagogisch geführte Klassen usw. Fast alle diese von Spezialisten geführten Schulformen wurden zugunsten der Integration abgeschafft, weil man lange glaubte, damit mehr Chancengleichheit erreichen zu können.

    Das selbstgesteuerte Lernen, die Individualisierung, die teilweise Abschaffung der Noten, die Abschaffung der Jahresziele usw. macht es für den Lehrer schwieriger, alle Schüler und deren Leistungen immer im Auge zu behalten, so dass keiner als Illetrist „durchschlüpfen“ kann.

    Die Bildungskatastrophe wird unter dem Deckel gehalten, weil die pädagogische Wahrheit von den Bildungsbehörden generell verdrängt wird. Dazu kommt ein gesellschaftliches Problem: Bei der Missachtung des Lehrerberufs («GlobalTeacherStatus Index») liegt die Schweiz ganz vorne.

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