16. September 2019

Der Fernsehphilosoph in der NZZ …

Peter Sloterdijk bezeichnete ihn als Andre Rieu der Philosophie, der FAZ-Redaktor und Buchautor Jürgen Kaube bezichtigte ihn der intellektuellen Schlampigkeit. Aber Richard David Precht lässt sich nicht bremsen. In einem grossen Interview in der NZZam Sonntag (18.8.19) wiederholt er im Wesentlichen die Thesen, die er in seinem Buch: “Anna, die Schule und der liebe Gott” schon dargelegt hat. Die Condorcet-Redaktion fasst zusammen:

Bild: AdobeStock

Hier einige Ausschnitte aus dem Interview, das NZZ-Redakteur Michael Furger führte:

Bild: api bearbeitet

Wenn Sie das Wichtigste von Ihren Eltern gelernt haben, was hat dann die Schule falsch gemacht?

Die Bildung kommt zu kurz. Im Unterschied zu blossem Wissen hat Bildung etwas mit Persönlichkeit zu tun. Wissen kann man künstlich erzeugen. Künstliche Intelligenz ist voll von Wissen und frei von Bildung. Denn Bildung bedeutet, Dinge zueinander in Beziehung zu setzen und damit zu arbeiten.

(…)

Wenn ich in der Schule ein Reimschema auswendig lernen und anwenden muss, werde ich kein Problemlöser. Wenn ich aber die Aufgabe habe, selbst ein Gedicht zu schreiben, entstehen viele Schwierigkeiten, die ich beheben muss. Wenn ich also in eine Situation hineinwachse, in der ich mir Gedanken darüber machen muss, wie ich ein Problem löse, ist das etwas anderes, als die Lösung auswendig zu lernen. Szenarien gehen davon aus, dass ein grosser Teil der Menschen künftig keine Festanstellung mehr haben, sondern als Selbständige arbeiten werden. Doch die heutige Schule bereitet uns auf Dienst nach Vorschrift vor.

Dann hat die Schule also Generationen von Menschen falsch ausgebildet?

Der Staat hat sich seinerzeit bei der Gründung des heutigen Schulsystems gesagt: Wir brauchen soundso viele Lehrer, Juristen und Verwaltungsangestellte und soundso viele Leute, die normale Schreibarbeiten machen. Dann benötigen wir noch Arbeiter und Handwerker. All diese Leute machen eine bestimmte Arbeit ein Leben lang und kriegen dafür Geld. Darum bauen wir eine Schule, die auf diese Arbeiten vorbereitet, und teilen sie in verschiedene Niveaustufen. Als Belohnung geben wir Noten. Dieses System taugt heute nichts mehr, weil es verhindert, dass die Menschen ihren Neigungen folgen.

Was schwebt Ihnen konkret vor?

Alles muss darauf hinzielen, die intrinsische Motivation zu fördern, also das Lernen aus eigenem Antrieb. Noten machen genau das Gegenteil. Sie fördern das Lernen aufgrund einer Belohnung, das sogenannte extrinsische Lernen. Dazu kommt, dass unsere Schule die faszinierende Welt des Wissens in Fächer zerlegt und in Lektionen gliedert und sich nach Lehrplänen organisiert, wonach alle Schüler im gleichen Alter genau dasselbe machen müssen.

Sie würden Noten und Fächer abschaffen?

Die Noten ja, die Fächer zum grossen Teil.

Wie soll der Unterricht dann aussehen?

Ich würde die Klassenverbände auflösen, möglicherweise nach dem sechsten Schuljahr, und stattdessen Lernhäuser schaffen nach dem englische College-System. Man gehört dann während seiner ganzen Schullaufbahn dem gleichen Lernhaus an und wird von denselben Lehrkräften betreut. Jedes Kind arbeitet in seinem eigenen Tempo. Und der Unterricht folgt weniger einer künstlichen Einteilung nach Fächern, sondern ist stärker projektorientiert. Kinder beschäftigten sich mit dem, was sie interessiert.

(…)

Wer keine Lust hat auf Rechnen, muss nicht?

Doch. Es wird auch in Zukunft Bildungsziele geben, die für alle gelten. Ich will die Schule nicht in die Beliebigkeit überführen. Aber nach dem sechsten Schuljahr haben Sie keinen Klassenunterricht mehr, sondern bearbeiten bestimmte Projekte, und das länger und konzentrierter als im bisherigen Modell. Die Pointe liegt darin, dass sie in Sinnzusammenhängen lernen und ihre Neigungen nicht abgewürgt werden.

Das ganze Interview können Sie lesen unter:

https://nzzas.nzz.ch/hintergrund/richard-david-precht-fordert-eine-bildungsrevolution-ld.1502488

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