19. Januar 2020

Individualisierung an der Oberstufe

Ab nächstem Schuljahr werden die Bündner 3. Oberstufenklassen neu fünf Wochenlektionen “Individualisierung” im Stundenplan vorfinden. Deshalb hat das Amt für Volksschule die Lehrer zu einer ganztägigen, obligatorischen Weiterbildung an einem Samstag im Mai aufgeboten. Ziel der Veranstaltung war es, “Hintergrundinformationen, sowie didaktische und methodische Hilfestellungen” zu liefern. Ein Tagungsbericht.

In der Begrüssung wurde die versammelte Lehrerschaft von der Schuldirektorin als “Pioniere” angesprochen. Dies sollte uns positiv auf die Tagung einstimmen. Wir sollen diese “Herausforderung mit offenen Armen annehmen”. Es sei “wunderbar, Spuren zu legen” und so weiter. Wenn ich solche Phrasen höre, blinken meine – in zahllosen abgesessenen Weiterbildungen geschärften – Warnlämpchen auf. Dies besonders dann, wenn sich herausstellt, dass entgegen dem in der Einladung verwendeten Titel “Didaktik und Organisation 3. Klassen Sekundarstufe I” die Organisation jeder Schule selbst überlassen wird. Der Kanton beschränkt sich – wieder einmal – auf “Hilfestellungen”.

Vorgegeben ist, dass sich die Schüler in drei Wochenlektionen ihren persönlichen Stärken und Schwächen in den Fächern Mathematik und Sprachen widmen sollen. Dazu kommt eine Projektarbeit (die “Meisterprüfung der Volksschule”) mit zwei Wochenlektionen, welche “die Trennung zwischen Schule und Leben” aufheben soll. Die Schüler planen die für die Zielerreichung notwendigen Schritte selbst. Aus den Lehrern werden ganz einfach Coachs. Als Hilfestellung wurden die Testserien von Stellwerk und Jobskills vorgestellt. Laut der Referentin von der Zürcher Reformschule Petermoos sei dabei die Motivation der Schüler, die oft bereits ihre Lehrverträge im Sack haben, kein Problem.

Für die Projektarbeit sind die Schüler in der Themenwahl grösstmöglichst frei. Beim Ablauf hält man sich an die bekannten Prozessschritte von Matura- und Fachmittelschularbeiten. Unbeantwortet blieb, wie viele Projektarbeiten pro Lehrer zu beaufsichtigen sind. Belanglos scheint die Frage, ob man fachlich geeignet ist, ein Projekt zu übernehmen und in Mathematik oder Sprachen die Schüler zu begleiten. Man ist schliesslich bloss Coach und hat diesbezüglich keine Verantwortung. Diese liege voll und ganz bei den Schülern und ganz wichtig: “Ein Projekt müsse auch scheitern können”. Druck wird aufgebaut mit der Schlusspräsentation der Ergebnisse vor den Eltern und Lehrmeistern. Für die drei Lektionen Stärken und Schwächen fehlt ein entsprechender Referenzpunkt zur Beurteilung vollständig.

Die theoretische Begründung für die Reform lieferte ein Professor der PH Zürich. Er identifizierte die Ursachen der gesellschaftlichen Individualisierung: Sozialversicherung, Ausbildung, Mobilität und Konkurrenz. Sein Fazit: Die gesellschaftliche Individualisierung sei getrieben von der Arbeitswelt. Es sei unfair, wenn man nicht auf diese Veränderungen reagiere. Es wäre nun interessant gewesen, wenn man mehr erfahren hätte zu seiner Schlussfolgerung, weshalb sich der Hang zur gesellschaftlichen Individualisierung auch in der Schule in dieser Form niederschlagen müsse. Immerhin übernimmt die Schule in vielen Bereichen eine kompensatorische Haltung gegenüber der Gesellschaft ein. Ebenfalls von Belang wäre die grundsätzliche Frage gewesen, ob es etwas bringt, gemeinsamen Klassenunterricht durch individuelle Projekte zu ersetzen. Es gibt nämlich keine Hinweise darauf, dass Projekte die Schüler besser auf die Arbeitswelt vorbereiten würden. Die angestrebten Transfergewinne für die Berufswelt sind wissenschaftlich umstritten, besonders wenn Wissenserwerb zugunsten von Schülerprojekten zurückgefahren wird.

Insgesamt gesehen kann festgestellt werden, dass die Umsetzung der für die Oberstufe als “tiefgreifende Veränderung” angesehenen Reform von einigen konzeptionellen Mängeln begleitet ist. Erstens fehlt eine fundierte theoretische Grundlage. Es genügt nicht zu sagen, dass die Schule die Gesellschaft nachbilden müsse. Weiter ist nicht einsichtig, weshalb die anvisierten Ziele nicht auch einfach durch Wahlfächer hätten abgedeckt werden können. Diese hätten zwar die thematische Vielfalt eingeschränkt, andererseits aber auch eine kompetente Begleitung durch Lehrpersonen sichergestellt. Die sich gegen Ende des Tages abzeichnenden methodischen und organisatorischen Unsicherheiten werden zu beträchtlichen Reibungsverlusten führen. Lehrer lassen sich nicht einfach zu Coachs umfunktionieren. Die Umsetzung wird in allen Schulteams zu beträchtlichem Mehraufwand und Planungsunsicherheit führen. Ob sich das, gemessen an den zweifelhaften Erfahrungen mit Projektarbeit, lohnt, entscheidet letztendlich auch darüber, ob die Bildungsqualität weiter erodiert.

 

Urs Kalberer

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Hans Joss, Bern, ist ehemaliger Sekundarlehrer, studierte Psychologie und war jahrelang wissenschaftlicher Leiter «Langzeitfortbildungen bei der Zentralstelle für Lehrerinnen- und Lehrerfortbildung des Kantons Bern». Er ist eingeschriebenes Mitglied der Berner SP und sieht besonders die bei uns immer noch vorhandene Selektion der Schülerinnen und Schüler sehr kritisch. Sein Beitrag, den er uns zur Verfügung gestellt hat, ist zuerst in der Zeitschrift “vpod-bildungspolitik” (nr. 214) erschienen.

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