20. März 2026
Warum Condorcet?

Die Todesstrafe ist die barbarischste aller Strafen

In unserer neuen Rubrik möchte wir Sie – liebe Leserinnen und Leser – in einer lockeren Serie von kurzen Beiträgen über unsere beiden Namensgeber informieren, Jean-Marie de Condorcet und seine Frau Sophie de Condorcet, geborene Grouchy. Diese Reihe soll dazu beitragen, das Vermächtnis des politischen Theoretikers und seiner genialen Frau, welche einen Diskurs-Salon führte, wieder in Erinnerung zu rufen. Heute geht es um seine Gegnerschaft zur Todesstrafe.

In seiner Schrift „Esquisse d’un tableau historique des progrès de l’esprit humain“ (1795), wiederholte Jean-Marie de Condorcet seine profunde Überzeugung, dass die Todesstrafe weder gerecht noch wirksam sei:

Alain Pichard, Lehrer Sekundarstufe 1, GLP-Grossrat im Kt. Bern und Mitglied der kantonalen Bildungskommission: Condorcet bewies unglaublichen Mut.

„Die Todesstrafe ist die barbarischste aller Strafen, sie ist diejenige, die das am meisten verachtete Element der Gesellschaft, den Tod, gegen denjenigen anwendet, der es wagt, sich den Gesetzen zu widersetzen, und das unter den Bedingungen, die am wenigsten mit der Menschlichkeit und dem Verstand vereinbar sind.“

Diese Worte schrieb er bereits in seinem Versteck. Kurz darauf schnappten ihn seine Häscher.

Am 10. Dezember 1792 wurde seine Überzeugung  einem existentiellen Härtetest ausgesetzt, als der ehemalige König Louis XVI  wegen Hochverrats und Verschwörung gegen den Staat angeklagt wurde. Die Jakobiner unter Robespierre, Danton und Marat verlangten vehement die Todesstrafe.

Während die Girondisten, denen Condorcet angehörte, sich aus pragmatischen Überlegungen gegen die Todesstrafe aussprachen, wandte sich Condorcet  aus tief humanistischen Gründen dagegen. Die Fraktion der Girondisten, denen er sich anschloss,  war der Meinung, dass der Tod des Königs die Nation weiter destabilisieren und die gesellschaftlichen Spaltungen vertiefen würde. Condorcet selbst hielt dagegen die Todesstrafe für unvereinbar mit den Prinzipien der Menschenrechte und der Aufklärung.

Den Jakobinern gelang es, die Diskussion zu emotionalisieren. Sie mobilisierten ihren Anhang und platzierten ihn auf der Bühne des Konvents, von wo man die Debatten im Parlament verfolgen konnte. Jedes Votum gegen die Hinrichtung wurde gnadenlos ausgebuht und der Konvent geriet zu einem wahren Hexenkessel.

Die Hinrichtung des Louis XVI. Es brauchte Mut, sich gegen die fanatisierte Masse zu stellen.

Die Debatte zog sich über mehrere Tage hin, und viele Abgeordnete, die eigentlich gegen die Todesstrafe waren, waren verunsichert und verloren, den Mut, der geballten Wut der fanatisierten Claqueure standzuhalten.

Am 17. Januar 1793 wurde das Urteil über Louis XVI. abgestimmt. Der Konvent entschied sich trotz des gewaltigen Drucks von der Strasse mit 387 zu 334 Stimmen relativ knapp für die Todesstrafe.

Tragische Ironie des Schicksals: Condorcet unterschrieb mit seinem entschiedenen NEIN  zur Todesstrafe sein eigenes Todesurteil.

Louis XVI. wurde am 21. Januar 1793 auf der Place de la Révolution in Paris guillotiniert. Ein Jahr später, 1794, geriet er selbst ins Visier der Jakobiner, musste untertauchen, wurde entdeckt und starb am 28. März  unter mysteriösen Umständen, wahrscheinlich im Gefängnis.

Sein unvollendetes Werk „Esquisse d’un tableau historique des progrès de l’esprit humain” wurde von Sophie de Condorcet und anderen Freunden nach seinem Tod veröffentlicht.

 

 

image_pdfAls PDF herunterladen

Verwandte Artikel

Die Fortsetzung des Sprachen-Flickwerks ist eine Zumutung

Die Spatzen pfeifen es lautstark von den Dächern, dass das Mehrsprachenkonzept der Primarschule ein Fiasko ist. Doch die Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz scheint alle Fenster ihres Elfenbeinturms verriegelt zu haben, um den ungeliebten Gesang nicht hören zu müssen. Was sich die verantwortlichen Erziehungsdirektoren in ihrer jüngsten Stellungnahme zum Sprachenkonzept geleistet haben, gleicht einem traurigen Abgesang auf eine schulnahe Bildungspolitik, schreibt Hanspeter Amstutz im Editorial zum aktuellen Newsletter der Starken Volksschule Zürich.

“No Labels” im Bildungsbereich ist alter Wein in neuen Schläuchen

Demokraten und Republikaner teilen sich das US-amerikanische Wahlvolk. Bisher. Seit 2010 existiert eine Bewegung, die sich NO LABELS nennt und auf Vernunft und Effizient setzt. Ihr Anliegen: Problemlösung statt ideologische Grabenkämpfe. „No Labels Group“ nennen sich die Rebellen, die 63 Kongresspolitiker unter sich zählen und Hunderttausende Aktivisten, Gewerkschaftler, Geschäftsleute. Sie eint, dass sie genug haben vom Status quo. Jenseits der Parteigrenzen und der Denkverbote will die Bewegung, die sich nun anschickt, Partei zu werden, strenge Waffengesetze durchsetzen und die Arbeit gewerkschaftlich organisierter Lehrer reformieren. Eine Kombination, die mit Sicherheit die Rechte wie die Linke aufbringt. Vor kurzem haben sie ihr Parteiprogramm veröffentlicht, in dem uns vor allem die Bildungsthesen interessieren. Die explizit links argumentierende Diane Ravitch und ihr prominenter Mitstreiter Peter Greene, ebenfalls oft in unserem Blog publizierend, können dieser Bewegung gar nichts abgewinnen, wie der folgende Beitrag zeigt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert