BIldung und digitale Transformation

Bildung ist antizyklisch

Bildungsaufgabe besteht nicht in der Heranführung junger Menschen an Online-Praktiken – also nicht in dem, was man heute als Medienkompetenz bezeichnet – sie formuliert vielmehr ein Korrektiv dazu. Der Physiker, Philosoph und Jazzmusiker Eduard Kaeser mahnt eindringlich, den Unterschied zwischen Wissen und Information zu erkennen und betont die antizyklische Funktion von Bildung.

Der Widerspruch ist so alltäglich geworden, dass man ihn schon zu den nicht wahrgenommenen Lebensbedingungen – zur Conditio techno-humana – zählen kann: Während stets potentere Computer uns elementare Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen abnehmen, verlernen wir Lesen, Schreiben, Rechnen. Während Softwaredesigner und Neurotechniker von smarten Schulzimmern respektive Lernimplantaten im Gehirn träumen, verlieren sie aus den Augen, was sich eigentlich in diesen Schulzimmern tummelt: nämlich individuelle Schülerinnen und Schüler aus Fleisch und Blut und Eigenwillen.

Eduard Kaeser ist Physiker, Philosoph, Jazzmusiker und freier Publizist: Ein fundamentales erkenntnistheoretisches Missverständnis: die Gleichsetzung von Wissen und Information.

Die allgegenwärtige Tendenz, die wir hier beobachten, heisst Delegieren: Delegieren von menschlichen Kompetenzen an künstliche Systeme. Dieser Tendenz wohnt nicht nur ein gewaltiger technologischer, sondern auch ein soziokultureller Impetus inne, dessen Folgen für die Bildung noch kaum abzusehen sind. Vor einiger Zeit plädierte der französische Philosoph Michel Serres dafür, unsere Köpfe ans Netz abzugeben – was eine ungeahnt befreiende Wirkung haben soll. Man mag das als beschwipste Metaphorik betrachten, nicht zu überhören sind jedenfalls die Verheissungen einer neuen Wunderpädagogik, die uns mit Zukunftsvisionen der kognitiven Aufrüstung versieht, dass einem Lernen und Wissen vergehen.

Nehmen wir das Beispiel Erinnern. Das Internet ist heute ein gigantisches Wissensreservoir, und Google ermöglicht uns, es anzuzapfen, wann immer und wo immer wir wollen. Das verleitet zum Fehlschluss, Lernen könne auf Gedächtnisleistung verzichten. Wir haben es mit einer Save-and-Retrieve-Mentalität zu tun: Abspeichern und Abrufen genügen. Sie ist heute unter Netzbewohnern gang und gäbe. Und wie ich glaube, birgt sie ein fundamentales erkenntnistheoretisches Missverständnis: die Gleichsetzung von Wissen und Information.

Information kann objektiviert, ausgelagert, gespeichert, verwaltet und insofern auch von einer Maschine verarbeitet werden. Wissen dagegen ist im Kopf. Das Netz «weiss» überhaupt nicht. Wissen braucht ein Subjekt, eine Person, in der sich Information anlagert, sedimentiert. Deshalb ist unser Gedächtnis kein Speicher, in den man einfach Informationen hineinlegt und wieder herausnimmt. Unser Gedächtnis ist ein hochadaptiver neurosensorischer Teil unseres Organismus, der sich und die verwahrte Information ständig verändert, sich permanent im Wechselspiel persönlicher Vorlieben, Abneigungen, Erwartungen reorganisiert. Dazu gehört übrigens ganz wesentlich auch das Vergessenkönnen. Bewusstes, aktives Vergessen ist Voraussetzung dafür, dass wir Information interpretieren, beurteilen und gewichten und uns nicht einfach passiv mit Daten mästen. Wir müssen also auch lernen, nicht zu wissen.

Sie bedeutet, dass wir uns unserer eigenen naturwüchsigen Fähigkeiten innewerden; dass wir sie nicht auslagern, sondern anlagern. Nicht, um sie gegen die Fähigkeiten der Technik auszuspielen, sondern, um beide in ein je individuelles Gleichgewicht zu bringen.

Der deutsche Philosoph Gernot Böhme sprach schon 1999 vom antizyklischen Charakter der Bildung. Man kann dies vor dem eingangs skizzierten Hintergrund als eine Gegentendenz zum Delegieren interpretieren. Sie bedeutet, dass wir uns unserer eigenen naturwüchsigen Fähigkeiten innewerden; dass wir sie nicht auslagern, sondern anlagern. Nicht, um sie gegen die Fähigkeiten der Technik auszuspielen, sondern, um beide in ein je individuelles Gleichgewicht zu bringen.

Eine solche Bildungsaufgabe besteht nun gerade nicht in der Heranführung junger Menschen an Online-Praktiken – also nicht in dem, was man heute als Medienkompetenz bezeichnet. Sie formuliert vielmehr ein Korrektiv dazu.

Gernot Böhme, Philosoph, 1937 – 2022: Bildung ist antizyklisch.

Eine solche Bildungsaufgabe besteht nun gerade nicht in der Heranführung junger Menschen an Online-Praktiken – also nicht in dem, was man heute als Medienkompetenz bezeichnet. Sie formuliert vielmehr ein Korrektiv dazu. Sie nimmt – so stelle ich mir das vor – die neuen Online-Praktiken auf, hebt sie gewissermassen aus dem technischen Unbewussten und tariert sie mit traditionellen Offline-Routinen aus: zum Beispiel Informationsbeschaffung im Netz und ausserhalb des Netzes; Mashup und herkömmliches Zitieren/Referieren; Diskussion in Bloggerforen und Diskussion von Angesicht zu Angesicht; fokussiertes Lesen und Herumbrowsen; selber Schreiben und Eingaben von Prompts in den Chatbot.

Generell: Das Internet stellt uns neue und möglicherweise nützliche Tools zur Verfügung, unseren Geist zu bilden und zu verfeinern. Aber wir erreichen dieses Ziel nur in einer Symbiose von Altem und Neuem. Das Neue wird als Kulturtechnik ernst genommen und das Alte nicht einfach auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen.

Man spricht viel vom «Rohstoff» Wissen. Äusserungen wie die folgende gehören zur Phraseologie des eidgenössischen Bildungsselbstverständnisses: «Die Tatsache, dass sich die kleine Schweiz in Wissenschaft, Technologie und Wirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten immer auf Augenhöhe mit den grossen Mitspielern bewegen konnte, hat sie nicht zuletzt ihrem Bildungssystem zu verdanken. Es gilt daher, diesen Vorsprung nicht zu verspielen.»

Allerdings gilt es, den «Vorsprung» nicht nur nicht zu verspielen, sondern ihn auch nicht der Definitionshoheit von Bildungstechnokraten, Wissensmanagern und Vertretern der IT-Branchen zu überlassen.

Fürwahr. Allerdings gilt es, den «Vorsprung» nicht nur nicht zu verspielen, sondern ihn auch nicht der Definitionshoheit von Bildungstechnokraten, Wissensmanagern und Vertretern der IT-Branchen zu überlassen, die Bildung zum Mittel der Standort-Positio­nierung halbieren wollen. Antizyklisch verstanden, ist Bildung Widerstand gegen diese Reduktion. Letztlich erweist sie sich immer als Persönlichkeitsbildung. Und als solche erfordert sie eine rar werdende Ressource: Zeit.

Was mich an eine Äusserung Roger Schanks erinnert, eines bekannten Kognitionswissenschaftlers und frühen Verfechters der KI in der Schule. Er schrieb vor fast dreissig Jahren: «Wenn man eine Maschine intelligent machen will, muss man dafür sorgen, dass sie langsam Informationen ansammelt, wobei jedes neue Stück Information liebevoll (sic!) zu den bereits vorhandenen in Beziehung gesetzt werden muss. Jeder Schritt muss sich aus einem anderen ergeben; alles muss, entsprechend den Vorkenntnissen, seinen richtigen Platz finden.»

Wohlgemerkt: Schank sprach von Maschinen. Vergessen wir, dass das Gesagte eigentlich auf den Menschen zutreffen sollte?

 

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