18. August 2022

Mehr Witz statt WoZ

Der Condorcet-Blog macht einen Disput zwischen unserem Condorcet-Autor Roland Stark und der Redaktion der WOZ öffentlich. Zu Beginn möchte die Redaktion des Condorcet-Blogs aber erklären, warum es nicht zu einer Aufschaltung des WOZ-Artikels kommen durfte.

Anmerkung der Redaktion: Den Wert des Dialogs nicht erkannt.

Der Condorcet-Blog ist dem Diskurs verpflichtet. Sein Prinzip: Rede und Gegenrede. Es ist natrülich klar, dass eine Mehrheit unserer Leserinnen und Leser den gegenwärtigen “Umbaubestrebungen” unseres Bildungssystems eher kritisch eingestellt ist. Das zeigt sich auch in der Frage der Inklusion. Mit Beat Kissling, Riccardo Bonfranchi und Roland Stark haben wir drei Kritiker des praktizierten Integrationsartikels in unserer Autorenschaft. Trotzdem wollen wir die Argumente der anderen Seite anhören. Wir sind bestrebt, auch die gegensätzlichen Meinungen auf unserem Blog zu veröffentlichen. Ziel ist nicht, eine ideologisierte Bubble zu unterhalten, sondern den mündigen Leser, die mündige Leserin mit Argumenten zu versorgen. Am 2. Juni veröffentlichte die linke Wochenzeitung WOZ einen Artikel, der die Bestrebungen in Basel, wieder Kleinklassen einzuführen sehr kritisch beurteilte. Daraufhin entstand ein Briefwechsel mit unserem Condorcet-Autor Roland Stark und der Redaktion der WOZ.  Gerne hätten wir den Artikel, auf den sich der Beitrag von Roland Stark bezieht, bei uns aufgeschaltet. Wie üblich fragten wir den Autor (Renato Beck) und die Redaktion der WOZ um eine Abdruckerlaubnis an (mit Verlinkung und Quellenverweis). Sämtliche bisher angefragte Medien (NZZ, BAZ, Tagi, Spiegel, Infosperber, FAZ, Süddeutsche Zeitung usw.) haben uns immer die Erlaubis erteilt, ab und zu gegen ein Entgelt. Die Redaktion der WOZ hat uns trotz zweimaliger höflicher Anfrage, nicht einmal einer Antwort gewürdigt.

Wir bedauern dies und weisen einfach nun per Link auf den Ausgangsartikel hin.

https://www.woz.ch/-c7e2

 

 

Roland Stark, ehem. SP-Parteipräsident der Sektion Basel-Stadt, Heilpädagoge: Schwierig einen anderen Ausdruck zu finden.

In der WoZ vom 2. Juni 2022 ist ein Artikel erschienen, der die Bemühungen, Förderklassen, bzw. Kleinklassen wieder einzuführen, in Grund und Boden verdammt. („Ein System am Anschlag“) Als Kronzeugen werden Dennis Hövel von der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik in Zürich und Pierre Felder, pensionierter Volksschulleiter aus Basel zitiert.

Auf meinen Hinweis, die Kritiker des Integrationsmodells seien nur mit 1-2 Floskeln zu Wort gekommen, antwortete der Autor Renato Beck, im Gegensatz zu den „wissenschaftlichen Erkenntnissen“ von Herr Hövel hätten R. Bonfranchi und ich nur „anekdotische Ausführungen“ geliefert, „in weiten Teilen polemisch argumentiert“ oder „schlicht Behauptungen aufgestellt.“ Angesichts der langen Publikationsliste von Riccardo Bonfranchi, etwa in der Schweizerischen Zeitschrift für Heilpädagogik oder in der Edition Stiftung Schweizer Zentrum für Heil- und Sonderpädagogik oder meiner über vierzig jährigen praktischen Erfahrung als Heilpädagoge eine ziemliche Unverschämtheit.

Besonders ärgerlich sind die Aussagen von Pierre Felder. Er spricht von einer „extremen Stigmatisierung“, die eine Karriere in der Kleinklasse mit sich bringe.“ „Einmal drin, immer drin.“ Eine Integration ins Berufsleben sei danach sehr schwierig. In knappen Worten werden hier Generationen von Schülern, Eltern und Lehrern pauschal beleidigt. Man gewinnt den Eindruck, ich hätte jahrzehntelang nicht als Pädagoge, sondern als Gefängniswärter verbracht.

Kleinklasseninitiative sorgt für Aufregung.

Nach der Lancierung unserer Initiative im Kanton Basel-Stadt haben mir spontan zwei ehemalige Schüler aus meiner Kleinklassen-Tagesschule im Niederholz-Schulhaus geschrieben. Ihre Worte stelle ich (auszugsweise) einfach mal unkommentiert den Aussagen des oben erwähnten Bildungsbürokraten gegenüber.

„Vor x Jahren warst du mein Lehrer im Niederholz-Schulhaus. Unterdessen bin ich bald 50 Jahre alt. Für mich war die Zeit im Niederholz etwas vom besten und gab mir die schulische Grundlage und vor allem das Selbstvertrauen, für das was ich heute mache. Sicher hat auch privat einiges anders mitgewirkt, aber ich sehe es heute bei meinen eigenen Kindern (9 und 11), wo die Probleme im aktuellen System grob liegen. Selber habe ich nicht nur eine 4-jährige Lehrstelle gefunden und absolviert und nach einigen Jahren wagte ich mich an eine Zweitausbildung und bin seit über 20 Jahren erfolgreich selbständig und habe aktuelle 2 Firmen.“ (Pascal)

„Ich habe mich in den vier Jahren KKL nie benachteiligt gefühlt, eher stolz, wenn ich gute Noten geschrieben habe.”

Eine ehemalige Schülerin, die ich ab 1993 in Riehen unterrichtete, berichtet ausführlich von den Schwierigkeiten, die ihre Kinder (9 und 12) in einer Integrationsklasse haben. „Die unfassbar geforderten Lehrer haben kaum Zeit, Schülerinnen wie unsere Kinder zu fördern, so wie es verdient und nötig hätten. Klar haben sie viel Unterstützung an ihrer Seite, aber das grosse Problem, die unfassbare Unruhe, die mehrere Kinder  in die Klassen bringen, sind einfach zu dominant. Fehlt die Sozialpädagogin einen Tag, ist vorprogrammiert, dass die Situation spätestens im unbeliebten Französisch-Unterricht eskaliert, und dies so extrem, dass die Lehrerin den Tränen nahe ist.“

„Ich möchte Ihnen ganz herzlich für ihr Engagement danken, dass sie sich für das Wiederbeleben der Kleinklassen stark machen. So schlecht war sie nicht unsere kleine Klasse. Aus mir und meiner Schwester ist jedenfalls auch etwas geworden 🙂 Wir haben beide erfolgreich die DMS4 abgeschlossen, haben beide eine Berufsausbildung sehr erfolgreich abgeschlossen und sind heute glückliche Mamas mit tollen Mädchen.“ .. „Ich habe mich in den vier Jahren KKL nie benachteiligt gefühlt, eher stolz, wenn ich gute Noten geschrieben habe.“ (Barbara)

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Erziehungsdepartement  reagieren auf die Bezeichnung „Bildungsbürokraten“ immer sehr gereizt. Angesichts des krassen Auseinanderfallens von Theorie und Realität fällt es mir aber schwer, einen anderen passenderen Ausdruck zu finden.

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1 Kommentar

  1. Bildungsforscher haben es geschafft, Politiker und Journalisten davon zu überzeugen, sie wären im Besitz wissenschaftlicher Fakten, während man Erfahrungen von Lehrern, die seit Jahrzehnten unterrichten, unter “anekdotische Beiträge” abheftet. Dass es Journalisten nicht mehr auffällt, wie pervers diese Haltung ist, ist auch ein Urteil über die intellektuellen Fähigkeiten der heutigen Schreiberlinge.

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