2. September 2026

Kommentar zur St. Galler Podiumsveranstaltung: Wo sind die Brücken?

Condorcet-Autor Alain Pichard findet es in seinem Kommentar befremdlich, wie die Medien eine solch hochkarätig besetzte Bildungsdiskussion negieren. Beiden Referenten zollt er Respekt, vermisst aber die Suche nach möglichen Brückenschlägen.

Alain Pichard, Lehrer Sekundarstufe 1, Orpund (BE):
Besonders unseren reformkritischen Kolleginnen und Kollegen müsste dieser Fall zu denken geben.

Kein Zweifel, die von den Ostschweizer Kinderärzten organisierte Vortragsreihe zu Schul- und Bildungsthemen gehören zum Besten, was die gegenwärtige Bildungsdiskussion in diesem Land zu bieten hat. Hier werden wirklich relevante Themen mit kompetenten Persönlichkeiten besprochen, und das seit Jahren. Die Tatsache, dass sich die Kinderärzte bei der Wahl der Gäste und der Ausrichtung der Diskurse an keine behördlichen Agenden halten, stiess in den Schaltzentralen der Reformpolitik nicht immer auf Gegenliebe. Auch behördliche Mahnungen, sich nicht in politisch brisante Themen zu positionieren, waren zu vernehmen. Und wie das heute so ist, steht auch eine immer enger werdende Berichterstattung stramm auf Behördenlinie. Seit Jahren werden die Veranstaltungen der Ostschweizer Kinderärzte negiert. Oder wie soll man es deuten, wenn in der Stadt St. Gallen der schweizweit bedeutendste Experte für Bildungsevaluation auf einen prominenten Kritiker der Vermessungsindustrie trifft, und kein einziges lokales Medium berichtet darüber?

Ganz im Gegensatz zu diesen engen Denkschemen setzen die Verantwortlichen dieser Bildungsveranstaltungen auf den offenen und fairen Diskurs. Ohne Zweifel sind die Reformkritiker unter den Zuhörern in der Mehrheit. Aber ihnen wird auch etwas zugemutet. Sie müssen sich gegensätzliche Positionen anhören und tun dies auch. Es gibt nie Missfallensäusserungen und am Schluss auch einen freundlichen Applaus.

Mit dem Empiriker Urs Moser und dem Pädagogen trafen zwei Menschen aufeinander, die nicht in die gängigen Schemata passen.

Mit dem Empiriker Urs Moser und dem Pädagogen trafen zwei Menschen aufeinander, die nicht in die gängigen Schemata passen. Der nüchterne und brillante Analyst Moser ist keineswegs nur der kalte Technokrat, der alles standardisieren will. Er hat durchaus auch eine kritische Haltung zu den Auswüchsen der Testmanie und ist vom Lehrplan 21 nicht vollends überzeugt. Und Carl Bossard ist nicht einfach nur der Pädagoge mit Herzblut und Engagement. Vielmehr verfügt er über ein enormes Wissen in der Pädagogik, seine publizistischen Beiträge erfüllen stets höchste wissenschaftliche Kriterien. Seiner Meinung nach müsse sich Unterricht auch hinterfragen lassen.

Zum Schluss eine Anregung

Da wäre es spannend gewesen herauszufinden, wo sich diese beiden Herren treffen können, wie die Brücken gebaut sein müssten, auf denen sie sich finden und miteinander verhandeln könnten. So blieb es einfach bei einer Gegenüberstellung mehrheitlich bekannter Positionen mit klarem Heimvorteil für Carl Bossard. Vielleicht – und das soll jetzt mehr als Anregung und nicht als Kritik verstanden sein – wäre es in diesem Fall angebracht gewesen, die Länge der Referate zu begrenzen und dafür eine Diskussion folgen zu lassen, die von einem kompetenten Moderator oder einer kompetenten Moderatorin geleitet würde, mit der Aufgabe, die möglichen Brückenköpfe zu sondieren.

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