24. September 2021

Eine Blüte, deren Duft die Welt erfreut

Lyrik-Unterricht in der Schule ist dankbar und wichtig, aber nicht immer einfach umzusetzen. Der Basler Musiker David Klein stellt uns für den Condorcet-Blog die jüdische Dichterin Selma Eisinger-Meerbaum vor. Das jüdische Mädchen, das im Alter von 18 Jahren durch die Nazis zu Tode kam, hinterliess ein lyrisches Werk mit unglaublicher poetischer Kraft – als hätte sie geahnt, dass ihr zum Schreiben nicht viel Zeit gegeben ist. Die Gedichte erzählen mit großer Musikalität, sprachlicher Schönheit und klaren Bildern von Sehnsucht, tiefer Liebe, Einsamkeit und unerschütterlicher Hoffnung und sollten Jugendlichen von heute nicht vorenthalten werden.

Selma Meerbaum Eisinger (1928 – 1942), links im Bild.
David Klein, Basler Jazzmusiker, Publizist: Selma kann die gleiche Breitenwirkung wie Anne Frank entfalten.

Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, wird mir bewusst, dass ich unter meinen Lehrerinnen und Lehrern Menschen begegnet bin, die mich nachhaltig beeindruckt, begeistert und geprägt haben. Mit einigen von ihnen bin ich bis heute befreundet. Sie haben in mir einen unerschütterlichen Respekt vor dem Lehrerberuf geweckt, denn Lehrerinnen und Lehrer tragen als wichtige Bezugspersonen von Kindern und Jugendlichen eine exorbitante Verantwortung für die Gestaltung unserer Zukunft. Teil dieser Verantwortung ist die Vermittlung der Thematik des Nationalsozialismus.

Vor mehr als 20 Jahren habe ich Selma Meerbaum-Eisingers Gedichte für mich entdeckt und sie haben mich seitdem nicht mehr losgelassen. Die für ein junges Mädchen aussergewöhnliche Reife und Emotionalität, aber  auch die einzigartige Musikalität ihrer Gedichte haben mich sofort fasziniert und tief berührt.

Selma Meerbaum-Eisingers Lyrik drückt Sehnsucht, Hoffnung und Lebenswillen aus, was ihrem Werk eine immerwährende Gültigkeit und zeitübergreifende Aktualität verleiht.

Ein schön gestalteter Gedichtband von Hoffmann und Campe.

Riesige Begabung

Vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Verfolgung schrieb Selma Gedichte, die in ihrer zeitlosen Ästhetik weit mehr als nur ein Zeugnis der drohenden Vernichtung des osteuropäischen Judentums und seines blühenden kulturellen Lebens sind. «Ihre Begabung steht sicher auf einer Stufe  mit dem jungen Hofmannsthal», so die grosse deutsche Lyrikerin Hilde Domin. «Trotz des Sonderschicksals ist dies ein Werk, das deutlich ins Gut der deutschen Poesie gehört, nicht der spezifisch jüdischen.»

Selma Meerbaum-Eisingers Lyrik drückt Sehnsucht, Hoffnung und Lebenswillen aus, was ihrem Werk eine immerwährende Gültigkeit und zeitübergreifende Aktualität verleiht. Die Ehrfurcht vor der Schönheit und lebendigen Kraft der Natur sind genauso Thema wie die Allgegenwärtigkeit von Tod und Trauer. In reiner, klarer, eindringlicher Sprache erzählen die Gedichte von den Gefühlen und Träumen eines jungen Mädchens an der Schwelle des Erwachsenwerdens und über das zarte Glück der ersten Liebe.

Selma Meerbaum 1941 neben ihrer Freundin (links im Bild): eine lachende, lebenslustige Frau in Czernowitz.

Auf einem der wenigen erhalten gebliebenen Fotos steht Selma in einem hellen Kleid neben ihrer Freundin Else, fest auf dem Boden, 1941 beim Spaziergang im rumänischen Czernowitz – und lacht. Strahlend lacht sie einem Leben entgegen, das eigentlich schon vorbei ist. Dieses Bild habe ich lange betrachtet und es machte mich traurig und wütend. Dass die hoch begabte, lebenshungrige Selma einfach umgebracht wurde und nur wenige erfahren, dass sie gelebt, geliebt, gelacht und Gedichte von berückender Schönheit geschrieben hat, konnte und wollte ich nicht akzeptieren.

Ich habe also beschlossen, meinen Teil zur Erinnerung an dieses aussergewöhnliche Mädchen beizutragen, indem ich zwölf ihrer Gedichte vertonte. Einige der renommiertesten deutschen Sängerinnen und Sänger aus allen Generationen haben Selma ihre Stimme gegeben, um sie mehr als 60 Jahre nach ihrem Tod wieder lebendig werden zu lassen. Es entstand die Musik-CD «Selma – In Sehnsucht eingehüllt» mit Xavier Naidoo, Reinhard Mey, Sarah Connor,  Yvonne Catterfeld, Hartmut Engler (PUR), Thomas D, Joy Denalane, Jasmin Tabatabai, Volkan Baydar (Orange Blue), Inga Humpe (2raumwohnung), Stefanie Kloß (Silbermond) und Ute Lemper.

Die Vertonungen von Selmas Gedichten ermöglichen Jugendlichen eine grundlegend neue Annäherung an das Thema Holocaust und jüdische Kultur.

Dabei ging es mir nicht darum, Selma unter dem Aspekt der Betroffenheit einen musikalischen Nachruf zu schreiben. Geschrieben in einer dunklen Epoche, klingen ihre Gedichte heute noch immer frisch und lebendig. Die Gefühle eines jungen Mädchens, festgehalten 1941, werden Jahrzehnte später in gleichem Mass gelebt.
Die Vertonungen von Selmas Gedichten ermöglichen Jugendlichen eine grundlegend
neue Annäherung an das Thema Holocaust und jüdische Kultur. Die Beschäftigung mit der NS-Zeit und Antisemitismus ist zwar fester Bestandteil vieler Lehrpläne, es fehlen jedoch attraktive, innovative pädagogische Konzepte und Unterrichtsmaterialien, die methodisch die Bedürfnisse der heutigen
Generation aufgreifen, Anknüpfungspunkte an die Lebenswelt Jugendlicher bieten und Zugänge auf verschiedenen Ebenen zulassen.

Die Parallelen, die zwischen Selmas Lebensgeschichte und dem eigenen Leben auftauchen, schärfen bei Jugendlichen das Bewusstsein für die Folgen des Holocaust.

Selmas Leben und ihre Gedichte eignen sich hervorragend zur kritischen Auseinandersetzung mit persönlichen Werten und Lebensvorstellungen, da sie Vergleiche mit der eigenen Biographie zulassen  und aufzeigen. Die Parallelen, die zwischen Selmas Lebensgeschichte und dem eigenen Leben auftauchen, schärfen bei Jugendlichen das Bewusstsein für die Folgen des Holocaust. Sie sollen sich mit der Frage auseinandersetzen,  welche Bedeutung Selmas Schicksal für ihre eigenen Träume, Sehnsüchte
und Ängste und die heutige Gesellschaft besitzt. Darüber hinaus sollen sie sich fragen, wie mit dem Holocaust heute umgegangen werden sollte, und ihre Gedanken und Erfahrungen mit heutiger Diskriminierung und Intoleranz thematisieren.

Anlässlich eines Pilotprojekts an einer Schweizer Schule konnte ich mich persönlich von der Effektivität der Arbeit mit Selmas Gedichten überzeugen. In einem mehrstündigen freiwilligen Workshop schrieben 50 Schülerinnen und Schüler nach der Vorstellung des Selma-Projekts eigene Gedichte und diskutierten die Thematik des Holocaust, den sie durch Selmas Schicksal in einem völlig neuen Licht sahen. Die gleichaltrige Selma hatte die Jugendlichen nachhaltig beeindruckt und berührt.

Inspiriert von Selmas Gedichten und den Vertonungen fanden sie einen neuen Zugang zu ihren eigenen Gefühlen. Anfängliche Scheu wich einer schier unbändigen Kreativität, die

Iris Berben rezitierte oft Gedichte von Selma Meerbaum.

sie über sich selbst staunen liess  – sie waren über sich hinausgewachsen. «Selmas Gedichte und ihre Geschichte in Verbindung mit den Vertonungen brachten meinen Schülern das Leid und die Fassungslosigkeit dieser Zeit so nahe, wie es all meine Texte, Zeitungsberichte und Videosequenzen zuvor nicht getan haben. Plötzlich wurden aus ‹den Juden› reale Menschen», so die Lehrerin nach dem Workshop.

Viele bekannte Interpreten beteiligten sich am musikalischen Projekt “Selma”.

An dieser Stelle möchte ich auf den kurzen Film «Selma – Making of»  aufmerksam machen, der auf youtube zu finden ist. Dieser kurzweilige Blick hinter die Kulissen zeigt Xavier Naidoo, Stefanie Kloß, Reinhard Mey oder Jasmin Tabatabai bei den Aufnahmen zur erwähnten Musik-CD mit Selmas vertonten Gedichten sowie Interviews mit Thomas D, Inga Humpe oder Hartmut Engler. Die kreative Atmosphäre, die auch das Lachen in die anspruchsvolle Thematik verwebt, eignet sich hervorragend als Einstieg in das Projekt.

Selmas Gedichte ermöglichen Jugendlichen, sich mit dem Holocaust zu befassen, ohne sich schuldig zu fühlen. Diese Art der Vergangenheits-Thematisierung ohne erhobenen Zeigefinger ist für mich nach meiner langjährigen Arbeit mit dem Selma-Projekt am wirkungsvollsten.

Dort ist der Mond.
Er ist da.
Nah.
Ganz nah.
Ich muß warten.
Worauf?
Hauf um Hauf
sterben sie.
Stehn nie auf.
Nie und nie.
Ich will leben.
Bruder, du auch.
Atemhauch
geht von meinem und deinem Mund.
Das Leben ist bunt.
Du willst mich töten.
Weshalb?
Aus tausend Flöten
weint Wald.

Der Mond ist lichtes Silber im Blau.
Die Pappeln sind grau.
Und Wind braust mich an.
Die Straße ist hell.
Dann…
Sie kommen dann
und würgen mich.
Mich und dich
tot.
Das Leben ist rot,
braust und lacht.
Über Nacht
bin ich
tot.

Ein Schatten von einem Baum
geistert über den Mond.
Man sieht ihn kaum.
Ein Baum.
Ein
Baum.
Ein Leben
kann Schatten werfen
über den
Mond.
Ein
Leben.
Hauf um Hauf
sterben sie.
Stehn nie auf.
Nie
und
nie.

Ich bin überzeugt, Selma Meerbaum-Eisingers Gedichtband kann die gleiche pädagogische Breitenwirkung entfalten wie die Tagebücher von Anne Frank. Die Identifikation mit einer 15-jährigen Autorin und die Tatsache, dass  ihre Texte Jahrzehnte nach ihrem Tod von einigen der bekanntesten deutschen Popstars und Liedermacher interpretiert werden, stärkt das Vertrauen von jungen Menschen in die eigene Kreativität und erleichtert ihnen den Einstieg in Lyrik und Literatur.

Ein Mithäftling von Selma im Arbeitslager Michailowka soll einmal zu ihr gesagt haben: «Sie sind eine Blüte, deren Duft noch die Welt erfreuen wird.» Zum Glück hat er recht behalten!

Unterrichtsvorschläge können unter arkadi@bluemail.ch bezogen werden.

Verwandte Artikel

Mündigkeit ist nichts für Feiglinge

Das Mündigkeitsideal droht in der kompetenzorientierten, digitalisierten Reformhektik ausser Acht zu geraten. Condorcet und seine Frau Sophie waren überzeugt: Wer Mündigkeit fürchtet, will eine Despotie stabilisieren. Alain Pichard schildert in seinem Beitrag, wie er den Mut hatte, jugendliche Mündigkeitsanfänge ernst zu nehmen.

Quo vadis «Mille feuilles» und «Clin d’œil»?

Nachdem der Condorcet-Blog viele kritische Voten zu den Lehrmitteln der Passepartout-Reihe veröffentlicht hat, äussert sich nun mit Bernhard Kobel, Geschäftsführer bei Schulverlag plus AG, ein Verteidiger der Französischlehrbücher. Er plädiert für eine grundlegende Überarbeitung und sieht in ihr gute Chancen, um aus dem umstrittenen Werk ein erfolgversprechendes Französischlehrmittel zu machen. Gerne veröffentlichen wir hier seinen Beitrag und anerkennen, dass hier zum ersten Mal selbstkritische Töne zu vernehmen sind.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.