28. November 2021

Fritz Hauser – Buchrezension: Konsequent für die Kinder der unterprivilegierten Schichten

Wer kennt noch Fritz Hauser und wer die Zeit des “Roten Basel”? Der Basler Historiker Charles Stirnimann hat über den Baumeister dieses “Roten Basels, Fritz Hauser, eine brillante Monographie geschrieben. Warum dieses Buch auch für Condorcet-Leserinnen und -Leser interessant ist, erklärt uns Alain Pichard in seiner Rezension.

Alain Pichard: Erinnert uns an das, für was die Sozialdemokratie einst stand.

Es gibt in der Schweiz nicht allzu viele markante politische Persönlichkeiten, über die in späteren Jahren von Historikern Bücher geschrieben werden können.

Zu reden gibt derzeit das Buch «Baumeister des Roten Basel – Fritz Hauser (1984 -1941) in seiner Zeit» von Charles Stirnimann. Charles Stirnimann studierte Geschichte und Romanistik und promovierte zur Geschichte des Roten Basel. Nach jahrelanger Recherche legt er nun mit einer Monografie über den Baumeister dieser fast vergessenen, aber prägenden Zeit der Stadt am Rheinknie nach. Natürlich ist der Begriff «Rotes Basel» auch heute wieder aktuell, wenn von der links-grünen Mehrheit gesprochen wird, welche die Entwicklung der Stadt der Reichen und der chemischen Industrie politisch stark bestimmt. Und schon deshalb ist es für politisch und geschichtlich interessierte Menschen ausserordentlich reizvoll, sich mit den sozialen Zuständen und den Lebensbedingungen des Roten Basel (1935 -1950) von damals zu beschäftigen. Und natürlich dürfte diese Monografie auch bei den Leserinnen und Lesern des Condorcet-Blogs auf Interesse stossen.

Denn der überzeugte Sozialist Fritz Hauser, aus eher ärmeren Verhältnissen stammend, war zuerst Lehrer. 1906 debütierte er als 22-Jähriger in einer Knabenprimarklasse im damaligen Bläsischulhaus. Vor ihm sassen 50 Schüler (davon 26 Ausländer) und dem vom Arbeiterkind zum Lehrer «aufgestiegenen Pädagogen» fielen Mangelernährung und die vielen Absenzen in seiner Klasse auf, die er in einem längeren Bericht zuhanden der Schulbehörden festhielt.

50 Schüler in einer Klasse, Mangelernährung und viele Absenzen.

«Die relativ hohe Zahl von Absenzen in der ersten Klasse ist nach meiner Ansicht zu einem grossen Teil auf eine gewisse Überanstrengung, auf das ungewohnte stundenlange Sitzen zurückzuführen.»  (S.47).

Bei guter Witterung ging er mit seinen Schülern oft in den Wald hinaus. Seine prophetische Mahnung hierzu:

«Hoffentlich kommt bald die Zeit, wo uns Turnstunden das Recht und die Pflicht dazu geben.» (S.47).

Mittendrin ein Mann von aufbrausendem Naturell, Gewerkschafter vom Scheitel bis zur Sohle, ein Gestalter, der antizyklisch dachte und handelte, der unverhohlen Macht anstrebte, dabei aber immer einen weitsichtigen Pragmatismus bewahrte.

Charles Stirnimann, Historiker: Grossartige Monographie

Akribisch und ohne Pathos beschreibt Charles Stirnimann den kometenhaften, aber schwer erkämpften Aufstieg des Genossen Hauser in höchste Ämter der Schweiz. 1911 wurde er in den Basler Grossen Rat gewählt, 1918 trat er in die Basler Regierung ein und 1919 folgte kurz nach dem Generalstreik die Wahl in den Nationalrat, wo er bis zu seinem frühen Tod 1941 wirkte. 1935 erlebte er den Triumph seiner sozialdemokratischen Partei und den Beginn des «Roten Basel».

Dabei versteht es der Autor glänzend, die persönliche Geschichte dieses Mannes in die damaligen historischen Ereignisse einzubetten. Das ist nicht nur für Basler interessant. Der Aufstieg der Stadt Basel zu einer Industriestadt, die gravierenden sozialen Verhältnisse in der Arbeiterschaft während der Zeit des 1. Weltkriegs, natürlich der Generalstreik, die Militäreinsätze gegen die Arbeiterschaft, die polarisierten Zwischenkriegsjahre, der Bruderzwist zwischen Sozialdemokraten und den Kommunisten, die reelle Bedrohungslage durch das faschistische Deutschland… das und vieles mehr erzählt dieses Buch. Mittendrin ein Mann von aufbrausendem Naturell, Gewerkschafter vom Scheitel bis zur Sohle, ein Gestalter, der antizyklisch dachte und handelte, der unverhohlen Macht anstrebte, dabei aber immer einen weitsichtigen Pragmatismus bewahrte.

Nach der Verabschiedung des epochalen Schulgesetzes im Jahre 1929 schrieb Fritz Hauser, mittlerweile Erziehungsdirektor:

«Es ist nicht in allen Teilen so herausgekommen, wie wir es gewünscht hätten. (…) Wir haben 25 Jahre gebraucht. Wir haben nicht geruht und nicht gerastet und es gibt keinen so kräftigen Menschen, der das zweimal aushalten könnte.» (S.117)

Eigentlich wollte Hauser die 8-jährige Gymnasialzeit auf 6 Jahre verkürzen und die Selektion nach für Primarschuljahren schon damals aufschieben. Das scheiterte am energischen Widerstand der Universität, der Gymnasien und der Liberalen. Insgesamt setzte Fritz Hauser in der Basler Bildungspolitik aber zahlreiche Reformen durch, die weit über diese Stadt hinausstrahlten:

Zahnhygiene in der Schule.Eine Pioniertat der Stadt Basel.

Senkung der Schülerzahlen pro Klasse, Gründung des Mädchengymnasiums, Gründung der Volkshochschule, Einführung des Turnunterrichts, Einrichtung der Schulzahnklinik, Sonderturnen für haltungsgeschädigte Kinder. Und immer wieder neue Schulhausbauten mit einer teilweise modernen Architektur, welche die Bedürfnisse des Unterrichts berücksichtigten (Beispiel: Der Pavillonbau auf dem Bruderholz). Vieles mag aus heutiger Sicht wie selbstverständlich oder gar etwas skurril erscheinen, in einer Zeit, in der die Schulzahnkliniken überall geschlossen werden. Aber eshandelte sich damals um wirkungskräftige Reformen zugunsten der Arbeiterkinder.

Fritz Hauser kannte die Nöte der sozial Schwachen und sein Einsatz als kantonaler Erziehungsdirektor hatte immer das Gedeihen und das Wohl der unterprivilegierten Schichten im Blickwinkel. Das hinderte ihn allerdings nicht daran, sich auch für die Entwicklung der Universität einzusetzen. Das Titelbild des Buches zeigt Fritz Hauser bei der Übergabe der Schlüssel zur Einweihung des neuen Kollegienhauses der Universität im Jahre 1939. Was dem Betrachter des Bildes vielleicht nicht sofort ins Auge springt: Hauser übergibt die Schlüssel mit der linken Hand und hält seine rechte demonstrativ in der Hosentasche. Ein neckischer Hinweis darauf, wem die ehrwürdigen Professoren dieses Gebäude zu verdanken haben.

Charles Stirnimann vergisst nicht darauf hinzuweisen, dass vor der Ära Hauser auch schon die FDP massgeblich den Ausbau der staatlichen Schule vorangetrieben haben und auch während der Regierungszeit in wichtigen Fragen Fritz Hauser unterstützten.

So wehrte er sich entschieden, gegen einen Beitritt zur sozialistischen Internationale, die von der Komintern beherrscht wurde.

Improvisierte Strassensperre in Basel 1939: Hauser und seine Regierungskollegen blieben in der Stadt.

Es würde den Rahmen dieser Rezension sprengen, wenn man alle Ereignisse dieser Zeit und vor allem das gesamte Wirken von Fritz Hauser hier darlegen würde, war doch dieser Politiker nicht nur in der Bildung tätig. Er setzte auch in der Kulturpolitik mit dem Bau des Kunstmuseums, und für das öffentliche Freizeitleben mit dem Bau der Badeanstalten markante Zeichen. Kulturpolitik war für ihn Bildungspolitik. Und er hielt seine sozialdemokratische Partei auch im Bruderzwist mit den Kommunisten auf Kurs. So wehrte er sich entschieden, gegen einen Beitritt zur sozialistischen Internationale, die von der Komintern beherrscht wurde. Ebenso entschieden aber trat er der faschistischen Bedrohung aus dem nördlichen Nachbarland entgegen. In den dramatischen Zeiten der deutschen Siegeszüge 1940 hielten er und die Basler Regierung am Sitz in Basel fest, während sich in der Stadt selber Panik breitmachte und eine regelrechte Auszugswelle einsetzte.

Hauser litt an Diabetes, musste sich gar einen Fuss amputieren lassen. 1941 starb dieser unermüdliche Schaffer mitten in einer Nationalratssession. Die Tragik dieses Todes lag auch in der Tatsache begründet, dass er die Wende des Krieges nicht mehr miterleben konnte. Mit welchen Gefühlen ist dieser Staatsmann von uns gegangen? Zwei Jahre später wurde Ernst Nobs  der erste sozialdemokratische Bundesrat.

Unaufgeregtheit, Sachlichkeit und akribisches Quellenstudium prägen dieses Buch. Die schlüssige Erzählung deklariert auch Widersprüche im Leben Hausers. Streng genommen kann uns eine Quelle nie sagen, was wir sagen sollen. Wohl aber hindert Sie uns, Aussagen zu machen, die wir aufgrund der Quellen nicht machen dürfen. Die Quellen haben ein Vetorecht. Dies berücksichtigt Charles Stirnimann, in jungen Jahren selber Kommunist und später Sozialdemokrat, meisterhaft. Eine plumpe Heldenverehrung ist sein Ding nicht. Er weist auch darauf hin, dass es sich bei seinem Werk um eine Monografie und nicht um eine Biografie handle. Für eine umfassende Biografie sei die Quellenlage einfach zu dünn gewesen, meinte Charles Stirnimann auf der Vernissage.

Es ist ein eminent wichtiges Stück Sozial- und Bildungsgeschichte und erinnert vor allem auch unsere sozialdemokratischen Freunde an eine Zeit, in der Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten sich konsequent und vorbehaltlos für das Wesentliche einsetzen: Für die Interessen der sozial schwächeren Kinder und eine gute Bildung für alle.

Das Buch ist im Übrigen brillant geschrieben.  Es liest sich trotz oder gerade wegen seiner präzisen Sprache flüssig und ist auch für Nichthistoriker leicht zugänglich. Sicher hat auch das Lektorat und die Assistenz von Monika Schib, der Frau von Charles Stirnimann, dazu beigetragen. Das Buch wurde von der Christian Merian-Stiftung herausgegeben. Es ist sorgfältig, übersichtich und leserfreundlich gestaltet. Aussagekräftige Bilder mit zurückhaltenden Legenden machen dieses Buch zu einer Lesefreude.

Für Condorcet-Leserinnen und -Leser ist dieses Werk eine wahre Fundgrube. Es ist ein eminent wichtiges Stück Sozial- und Bildungsgeschichte und erinnert vor allem auch unsere sozialdemokratischen Freunde an eine Zeit, in der Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten sich konsequent und vorbehaltlos für das Wesentliche einsetzen: Für die Interessen der sozial schwächeren Kinder und eine gute Bildung für alle.

 

 

 

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Ein Artikel aus dem Jahre 2006 machte den Condorcet-Autor Alain Pichard schweizweit bekannt. In der Weltwoche schrieben drei linke Lehrkräfte und er über die realen Probleme, welche die Schule mit der Integration fremdsprachiger Kinder bekundete. Er wurde zeitweise zum Buhmann der Linken. Der in einer Brennpunktschule in Biel tätige Lehrer bezeichnetete sich aber stets als “Anwalt der Migrantenkinder”. Er wolle, dass sie etwas lernen. Und das heisst “Fördern und Fordern”. 14 Jahre später scheint sich seine Überzeugung durchgesetzt zu haben. Zum Vorteil aller!

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