Riccardo Bonfranchi - Condorcet https://condorcet.ch Bildungsperspektiven Mon, 07 Feb 2022 10:15:36 +0000 de-DE hourly 1 https://condorcet.ch/wp-content/uploads/2019/05/favicon-100x100.png Riccardo Bonfranchi - Condorcet https://condorcet.ch 32 32 Diese Integration steht schief in der aktuellen Bildungslandschaft – 20 Überlegungen https://condorcet.ch/2022/02/diese-integration-steht-schief-in-der-aktuellen-bildungslandschaft-20-ueberlegungen/ https://condorcet.ch/2022/02/diese-integration-steht-schief-in-der-aktuellen-bildungslandschaft-20-ueberlegungen/#comments Mon, 07 Feb 2022 10:15:36 +0000 https://condorcet.ch/?p=10506

Condorcet-Autor Dr. Riccardo Bonfranchi unterstützt die Bestrebungen der Basler Lehrkräfte, vor allem im Interesse der betroffenen Kinder. Er schickte uns dazu 20 Argumente.

The post Diese Integration steht schief in der aktuellen Bildungslandschaft – 20 Überlegungen first appeared on Condorcet.

]]>
Riccardo Bonfranchi, Sonderpädagoge: . Regelschulen haben diese Aufgabe nicht in ihrem Pflichtenheft und sind auch nicht darauf eingerichtet; weder inhaltlich noch personell.

1. Es ist eine einfach zu erklärende Tatsache, dass behinderte Kinder in der Regelschule weniger gut gefördert werden können als in Kleinklassen. Regelschulen haben diese Aufgabe nicht in ihrem Pflichtenheft und sind auch nicht darauf eingerichtet; weder inhaltlich noch personell.

2. Die Abschaffung der Kleinklassen ist ein Verlust für das gesamte Schulsystem. Diverse Gemeinden sind dazu übergegangen, solche Kleinklassen wieder einzuführen. Dies teilweise unter anderen Bezeichnungen.

3. Es kann für ein behindertes Kind kein Vergnügen sein, Tag für Tag zu erleben, dass es im Grunde nicht zur Klassengemeinschaft dazu gehört, weil a) für es immer eine ‘spezielle’ Lehrerin kommt und b) weil es den üblichen Stoff, der vermittelt wird, nicht oder nur ansatzweise versteht.

4. Im sozialen Bereich erreicht das behinderte Kind seine nicht behinderten ‘Mitschüler’ auch nicht. Es versteht deren Sprüche und Witze nicht und umgekehrt. Wenn das behinderte Kind selber etwas zum Besten gibt, verdrehen die anderen Kinder, heimlich oder offen, die Augen. So sind Kinder nun mal.

Diese Bildungslandschaft hat sich in den letzten ca. 5 Jahrzehnten immer weiter aufgefächert, spezialisiert (Fachmittelschulen, Sek. A, B, ev. auch noch C, Lehre mit oder ohne BMS, Höhere Fachschulen, Fachhochschulen, spezielle Klassen, Schulen für Hochbegabte usw. usf.).

5. Diese Integration steht völlig schief in der aktuellen Bildungslandschaft. Diese hat sich in den letzten ca. 5 Jahrzehnten immer weiter aufgefächert, spezialisiert (Fachmittelschulen, Sek. A, B, ev. auch noch C, Lehre mit oder ohne BMS, Höhere Fachschulen, Fachhochschulen, spezielle Klassen, Schulen für Hochbegabte usw. usf.).

Zuerst integriert und dann ausgesondert.

6. Die meisten der im Kindergarten oder Unterstufe ‘integrierten’ behinderten Schüler, werden in der Mittel- bzw. Oberstufe in eine Heilpädagogische Sonderschule umplaziert. Warum ist das so?

7. Die später in eine Heilpädagogische Sonderschule umplazierten Schüler fallen dadurch auf, dass sie im Bereich alltäglicher Verrichtungen (Selbständigkeit, Verrichtungen des alltäglichen Lebens,  etc.), wesentlich weniger gut gefördert sind, als ihre neuen Mitschüler.

8. Weil es an einer Heilpädagogischen Sonderschule i.d.R. Physiotherapeutinnen, Logopädinnen und Ergotherapeutinnen gibt, die spezialisiert auf behinderte Kinder und Angehörige des Teams sind, so ist dies in der Regelschule nicht der Fall und alle diese Therapien müssen gesondert organisiert werden. In der Heilpädagogischen Schule gibt es z. B. Logopädinnen, die sich mit den Problemen z. B. von Essen, Kauen und Schlucken auskennen. Darüber wissen Logopädinnen in der Regelschule meistens wenig. Ihre Problemstellungen sind andere (Stottern etc.).

9. Diese sogenannte schulische Integration ist wesentlich teurer als ursprünglich gedacht und womit vor ca. 20 Jahren Politiker und Verwaltungsbeamte der Bildungs- bzw. Erziehungsdirektionen geködert worden sind.

10. Die soge. Integration von behinderten Kindern führt dazu, dass in vielen Klassen teilweise bis zu 4, 5 oder mehr erwachsene Regellehrerinnen, Heilpädagoginnen, Therapeutinnen, DAZ-Lehrerinnen, Psychomotorik-Therapeutinnen etc. fungieren. Wie da eine persönliche Beziehung zwischen Lehrkraft und SchülerInnen entstehen kann, ist in höchstem Masse fraglich. Von der alltäglichen Unruhe im Klassenzimmer, die dies mit sich bringt, ganz zu schweigen.

11. Es könnte ein Zusammenhang zwischen dieser sogenannten Integrationsbewegung und der in der Gesellschaft akzeptieren Praxis der Pränatalen Diagnostik geben. Dies als gesellschaftlicher Reflex des Letzteren auf das Erste.

12. Schwerst- mehrfach behinderte Kinder und verhaltensauffällige Kinder werden i.d.R. nicht integriert. Sie gehen alle in eine Heilpädagogische Sonderschule. Das gleiche gilt für verhaltensauffällige Kinder. Hier fördert die soge. Integration eindeutig eine Separation.

13. Die wahre Integration bzw. Durchmischung findet deshalb in der Heilpädagogischen Sonderschule und nicht in der Regelschule statt. Dies ist aber kein befriedigender Zustand für eine HPS, weil sie diese Heterogenität auch überfordert. In einer einzigen Klasse in der Heilpäd. Sonderschule können z. B. lernbehinderte, geistig behinderte, schwerst- mehrfach behinderte und nicht kognitiv beeinträchtigte, aber verhaltensauffällige Kinder sein.

14. Diese soge. Integrationsbewegung nützt vor allem den Eltern, die es lieber haben, wenn die Schuladresse ihres behinderten Kindes diejenige einer Regelschule ist. Dies so lange, bis sie mitbekommen, dass ihr Kind kaum Fortschritte macht. Sie nützt vor allem auch all den Menschen, die sich als Gut-Menschen wohlfühlen (wollen).

15. Sinnvoller und dies im Sinne der behinderten Kinder wäre es, wenn Klassen aus Heilpädagogischen Sonderschulen und Regelschulen gemeinsame, zeitlich befristete Projekte (Lager, Zoo-Besuche, Theateraufführungen, Teil-Integrationen usw.) durchführen würden. In denen würde der intellektuelle Aspekt keine Rolle spielen.

16. Im Erwachsenenbereich von Werkstätten und Wohneinrichtungen für Behinderte findet keine Diskussion bzgl. Integration in einen Regelbereich statt. Die Regelschule bzw. einige Exponenten von ihr, werkeln hier auf Kosten der behinderten Kinder an einer utopischen Inselidee, die letztendlich nur sie selber befriedigen kann. So lange bis wieder etwas Realität und Vernunft einkehrt.

17. Im Bereich der Kinder und Jugendlichen mit einer Sinnesbehinderung (gehörlos, sehbehindert, blind) findet diese soge. Integrations-Diskussion kaum statt. Es ist auffällig, dass diese soge. Integrationsbewegung fast nur die Kinder ‘erfasst’ hat, die über intellektuelle Schwächen verfügen. Also ob Schule nicht in erster Linie ein Ort ist, in der die Intellektualität (Bildung) gefördert wird.

18. Im Bereich der Kinder, die wirklich hochbegabt sind, werden separate Klassen oder sogar Schulen errichtet, weil man bei ihnen von besonderen Lern-Lehr-Bedürfnissen ausgeht. Frage: Ist das bei z. B. Kindern mit einer geistigen Behinderung nicht auch genauso der Fall?

19. Die soge. Integration wird der Persönlichkeit und den persönlichen Bedürfnissen von behinderten Kindern nicht gerecht. Sie werden als Mittel zum Zweck einer (Schein-)Normalität missbraucht. Deshalb kann man davon sprechen, dass diese soge. Integrationsbewegung die Würde dieser Kinder und Jugendlichen verletzt.

20. Fazit: . Es gibt eine unendliche Vielfalt menschlicher Daseinsformen und alle sind gleichwertig. Aber nicht alle können, müssen oder sollen gleichwertig behandelt, sprich: gefördert werden. Die heutige Integrations- bzw. Inklusions»bewegung» trivialisiert und bagatellisiert damit die jeweilige Behinderung des Individuums. Sie muss als eine Form der Würdeverletzung dieser Personen angesehen werden.

Dr. Riccardo Bonfranchi

The post Diese Integration steht schief in der aktuellen Bildungslandschaft – 20 Überlegungen first appeared on Condorcet.

]]>
https://condorcet.ch/2022/02/diese-integration-steht-schief-in-der-aktuellen-bildungslandschaft-20-ueberlegungen/feed/ 1
Mailen und chatten als niederschwelliges Angebot für Jugendliche in psychischen Nöten https://condorcet.ch/2021/09/mailen-und-chatten-als-niederschwelliges-angebot-fuer-jugendliche-in-psychischen-noeten/ https://condorcet.ch/2021/09/mailen-und-chatten-als-niederschwelliges-angebot-fuer-jugendliche-in-psychischen-noeten/#respond Wed, 08 Sep 2021 11:22:34 +0000 https://condorcet.ch/?p=9284

Condorcet-Autor Riccardo Bonfranchi weist in seinem Beitrag auf die erschreckende Zunahme von Angststörungen bei Jugendlichen hin und ruft einen bekannten Dienst in Erinnerung.

The post Mailen und chatten als niederschwelliges Angebot für Jugendliche in psychischen Nöten first appeared on Condorcet.

]]>
Riccardo Bonfranchi, Heilpädagoge und Buchautor: Zahl der Jugendlichen mit Schwierigkeiten verdoppelt.

In den vergangenen Wochen konnte man in verschiedenen Medien lesen, dass insbesondere während der Pandemie viele Jugendliche mit psychischen Problemen zu kämpfen haben. Seit Sars-CoV-2 unser Leben bestimmt, hat sich die Zahl der Jugendlichen, die mit solchen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, laut einer Studie von kanadischen Wissenschaftlern[1], verdoppelt. Man geht davon aus, dass ca. jeder Vierte eine Depression und jeder Fünfte eine generalisierte Angststörung entwickelt. Es wurden dabei in einer Meta-Analyse, in die die Daten aus 29 einzelnen Studien mit ca. 81000 Jugendlichen eingeflossen sind, Kinder und Jugendliche befragt. Hervorgehoben werden kann hier, dass die Jugendlichen in der Hauptsache unter einer sozialen Isolation leiden. Dies bedeutet konkret, dass ihnen vor allem die Kontakte zu Hilfsangeboten von Lehrkräften, Schulpsychologen und Beratern fehlte. Es zeigte sich auch, dass insbesondere Mädchen stärker unter diesen mangelnden Kontakten leiden als Jungen.

Wie könnte nun diesen Defiziten an Unterstützung für diese Jugendlichen begegnet werden. Es erscheint einsichtig, dass es für diese Jugendlichen, die unter Depressionen, oft einhergehend mit Suizid-Gedanken bzw. starken Gefühlen der Angst, bis hin zu Panik-Attacken, direkt und unbürokratisch, quasi im Sinne einer Notfall-Intervention geholfen werden sollte.

Dargebotene Hand Schweiz, Logo

Die Dargebotene Hand

Hierfür bietet sich der on-line-Dienst der Dargebotenen Hand an, dies im Sinne von www.143.ch. Wie ist das zu verstehen? Die Dargebotene Hand ist in der Schweiz seit Jahrzehnten Allgemeingut, bzw. als Telefon-Notfall-Linie weitgehend bekannt. Weniger bekannt ist aber, dass die gleiche Institution seit über 10 Jahren auch on-line—Dienste anbietet und dies auf zwei Kanälen: zum einen als Mail-Dienst und zum anderen als Möglichkeit des Chattens.

Der wesentliche Unterschied zum Hilfsdienst, der sich explizit an junge Menschen wendet, nämlich: www.147.ch zum Angebot bei 143 besteht darin, dass die Kontaktaufnahme und die Durchführung des Angebotes zu 100 % anonym ist.

Währenddem das Telefon vor allem von älteren Menschen genutzt wird, verhält es sich bei den beiden Online-Diensten anders. Hier sind es vor allem junge Menschen, die sich einloggen. Das bedeutet, dass sich bereits zwölfjährige melden; die meisten sind wohl (geschätzt) zwischen 16 und ca. 35 Jahre alt. Dabei ist der Einfluss des Gebrauchs des Handys nicht zu unterschätzen. Gemäss meiner Erfahrung von Chat-Beraterinnen und -beratern der Dargebotenen Hand, wird auch auf dem Pausenhof, sogar während des Unterrichts mit 143 gechattet.

Der wesentliche Unterschied zum Hilfsdienst, der sich explizit an junge Menschen wendet, nämlich: www.147.ch zum Angebot bei 143 besteht darin, dass die Kontaktaufnahme und die Durchführung des Angebotes zu 100 % anonym ist und dies auch während der Inanspruchnahme bleibt. Im Unterschied zur Dargebotenen Hand verlangt www.147.ch Login-Daten. So betrachtet könnte man folgern, dass das Angebot bei 143 noch niederschwelliger ist als bei 147 und sich deshalb als Erst-Aufnahme für Jugendliche in Not, besonders eignet[2].

Knatz/Dodier [3]führen folgende Liste von Problemen insbesondere bei Jugendlichen auf, die online immer wieder benannt werden:

  1. Suizid
  2. Depressionen
  3. Ängste
  4. Posttraumatische Belastungsstörungen
  5. Essstörungen
  6. Sexuelle Gewalt
  7. Mobbing
  8. Aufschieberitis

Was sind nun die Vorteile einer Online-Erst-Beratung durch www.143.ch?

  1. Wie bereits erwähnt, ist hier völlige Anonymität gewährleistet. Jugendlichen sollten darauf hingewiesen werden, sich zusätzlich auf der Homepage 147 umzusehen oder sich an die Schul-Sozialarbeiterin zu wenden. Oft ergeben sich “Gespräche” im Mail oder im chat, die konkrete Kontaktaufnahmen vorbereiten und den Jugendlichen die Angst nehmen, sich an eine solche Stelle zu wenden. Vielfach hindern sie daran verquere, ja geradezu falsche Vorstellungen davon, was mit ihnen passiert, wenn sie sich z. B. bei einer Psychologin oder sogar (!) bei einem Psychiater melden. Die Berater können diese Ängste abbauen und sachdienliche Informationen vermitteln. Die vollständige Anonymität einer solchen Kontaktaufnahme über das Internet senkt letztlich die Hemmschwelle, eine Beratungsstelle aufzusuchen (entscheidend z. B. bei sexueller Ausbeutung o. ä.) und bahnt damit den Weg in eine Therapie. Er ist damit Teil eines prozessualen Geschehens.
  2. Beim Mailen als ein asynchrones Beratungsformat haben sowohl die Jugendlichen wie die Beratenden die Möglichkeit, das Geschriebene mehrfach zu lesen und umzuformulieren. Bei der Dargebotenen Hand Zürich erhalten die Jugendlichen innerhalb von 48 Stunden jeweils eine Antwort-Mail. Manche schreiben immer wieder, so dass sich ein Beratungsprozess entwickelt, der sich über Monate hinziehen kann. So fliessen immer wieder neue Ansichten und erlebte Begebenheiten in das Geschriebene ein. Diese zeitliche Dehnung ermöglicht es – auf beiden Seiten –,  sich vermehrt Gedanken zu machen, innezuhalten und vielleicht zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Ein weiterer Vorteil des Mail-Verkehrs besteht darin, dass man zu jeder Tages- und Nachtzeit schreiben kann. Wenn ein Jugendlicher sich Sorgen um den morgigen Tag macht, dann schreibt er eben nachts. Es gibt wohl keine andere Anlaufstelle, der man zu jeder Uhrzeit seine Sorgen und Ängste anvertrauen kann.

Erstaunlich ist immer wieder, dass Jugendliche auch längere Mails schreiben. Sie sind nicht schreibfaul und sie wissen, dass ihre Texte nicht korrigiert, geschweige denn benotet werden. Orthografie und Grammatik interessieren hier niemanden. Schreiben als ein Selbstfindungsprozess steht im Vordergrund und hier auch einmal schreiben zu können, dass einen die eigene Familie ‘über alles nervt’ und man am liebsten tot wäre, kann entlastend wirken.

  1. Anders verhält es sich beim Chatten. Chats sind eher dem Telefonieren gleichzusetzen. Chatten ist ein verschriftlichtes Gespräch. Meist chatten Jugendliche mittels ihres Handys irgendwo und irgendwann. Das hängt bisweilen von der Dienstzeit der Berater ab, die bei 143 im Chat-Dienst sind. Insbesondere für einsame Jugendliche ist der Chat oft die einzige Anlaufstelle zur Aussenwelt, in der sie ihre Gedanken, Sorgen und Nöte jemandem, also einem Vis-à-Vis, mitteilen können. Sie kommen i.d.R. schnell zum Thema, manchmal zu schnell, und man muss erst etwas bremsen, sie zur Ruhe kommen lassen, um zu verstehen, worum es eigentlich geht bzw. was denn nun die grösste Sorge ist. Deshalb darf man sich von etwas krassen Einstiegsformulierungen weder täuschen noch beirren lassen. Meistens beruhigen sich die Gemüter bald einmal und man gelangt zu einem konstruktiven Gespräch per Netz.
Jugendliche schreiben des Öfteren lange Texte

Wie auch beim Mailen weist das Chatten aber eine Verlangsamung des Transportes der Inhalte auf. Knatz & Schumacher[1] weisen darauf hin, dass im Chat nur ca. ein Viertel der Information eines mündlichen Gesprächs vermittelt werden kann. Auch unterscheidet sich der Chat vom Telefon dadurch, dass kein Atmen, kein Stöhnen oder Weinen hörbar wird. Jugendliche helfen sich hierbei aber mit icons, emoticons oder mit ausgeschriebenen Worten, wie: gähn, breitgrins, Stirnrunzeln etc. Auch neuartige Kürzel wie ‘gute n8’ oder ‘cu’ (= see you) sind gang und gäbe. Auch hier gilt, wie beim Mailen, dass Orthografie und Grammatik keine Rolle spielen. Aber: Man kann nicht unterbrechen, d.h. man kann niemandem ins Wort fallen. Chatten braucht demnach mehr Geduld als ein Telefonat. Positiv daran: Man muss erst lesen, was der andere geschrieben hat, erst dann kann man antworten. So schafft auch das Chatten eine Distanz sowohl zum Erlebten wie auch zum Kommunikationspartner. Es ist dem Beratendem überlassen, auf welchen Inhalt er verstärkt eingeht und wo er konsequent nachfragt. Dem Jugendlichen steht es dagenen immer frei, ob er sich spontan oder “höflich” aus einem Chat zurückziehen möchte. Auch dies ist ein Zeichen der Niederschwelligkeit, die solche Online-Kommunikationsformen in sich haben.

 

[1] Knatz, B. & Schumacher, S.: Mediale Dialogkompetenz – Umgang mit schwierigen Gesprächssituationen am Telefon und im chat. Verlag Springer, Heidelberg 2019

[1] Racine, Nicole, University of Calgary im Fachblatt Jama Pediatrics: Globale Prävalenz depressiver und Angstzunahme bei Kindern und Jugendlichen während COVID-19. Eine Meta-Analyse. Online veröffentlicht am 9.8.2021, doi:10.1001/jamapediatrics, 2021, 2482

[2] Bonfranchi, Riccardo: Selbstverletzendes Verhalten im Jugendalter. Ritzen – ein Phänomen in der heutigen Sozial- und Heilpädagogik. In: SozialAktuell, Nr. 11, 2018, s. 40/41; auch: www.143.ch/Dokumente/Jahresberichte/Jahresbericht-2018

[3] Knatz, Birgit/Dodier, Bernhard: Mailen, chatten, zoomen: Digitale Beratungsformen in der Praxis. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2021, S. 152

The post Mailen und chatten als niederschwelliges Angebot für Jugendliche in psychischen Nöten first appeared on Condorcet.

]]>
https://condorcet.ch/2021/09/mailen-und-chatten-als-niederschwelliges-angebot-fuer-jugendliche-in-psychischen-noeten/feed/ 0
Schulische Integration als Bagatellisierung und Trivialisierung von Behinderung https://condorcet.ch/2021/02/schulische-integration-als-bagatellisierung-und-trivialisierung-von-behinderung/ https://condorcet.ch/2021/02/schulische-integration-als-bagatellisierung-und-trivialisierung-von-behinderung/#comments Tue, 16 Feb 2021 16:06:54 +0000 https://condorcet.ch/?p=7758

Condorcet-Autor Bonfranchi schreibt, dass viele Kinder im integrativen Setting aus den Schulen in eine HPS übertreten. Dort stellt man bei deren Ankunft erstaunliche Defizite fest.

The post Schulische Integration als Bagatellisierung und Trivialisierung von Behinderung first appeared on Condorcet.

]]>
Riccardo Bonfranchi, Heilpädagoge und Buchautor.

Immer häufiger werden Kinder und Jugendliche mit einer Behinderung, die zunächst in der Regelschule integriert worden sind, in eine Heilpädagogische Sonderschule (HPS) umplatziert. Meldungen aus den Medien zu diesem Trend decken sich mit meinen Erfahrungen aus meiner heilpädagogischen Beratertätigkeit. Die Gründe dafür liegen offensichtlich in der Bagatellisierung und Trivialisierung von Behinderung im integrativen Konzept.

Vorweg eine Spezifizierung: Wenn hier von Kindern und Jugendlichen mit einer Behinderung gesprochen wird, so sind ausschliesslich diejenigen mit einer geistigen Behinderung, einer Verhaltensauffälligkeit sowie einer starken Lernbehinderung gemeint. Letztere sollen von Kindern mit einer Lernschwäche unterschieden werden. Zu dem Personenkreis von sinnes- und/oder körperbehinderten Kindern und Jugendlichen, werden hier keine Aussagen gemacht.

Seit einiger Zeit stelle ich nun fest, dass immer jüngere Kinder aus dem integrativen Setting in eine HPS übertreten.

Umplatzierungen aus dem Regelunterricht an die HPS habe ich schon vor ca. 10 Jahren festgestellt. Es handelte es sich aber i.d.R. um behinderte Jugendliche aus der Oberstufe, die den Kindergarten sowie die Primarschule integriert absolviert hatten. Erst als es dann um die Frage der beruflichen Eingliederung ging, wurden sie in eine HPS «verlegt». Seit einiger Zeit stelle ich nun fest, dass immer jüngere Kinder aus dem integrativen Setting in eine HPS übertreten. Es betrifft vor allem den Übergang vom Kindergarten in eine Heilpädagogische Primarschule.

Unglaubliche Aussagen

Bemerkenswert sind die Aussagen der Schulischen Heilpädagoginnen über den Stand dieser Kinder, die nun zu ihnen in die Unter- oder Mittelstufe wechseln. Hier einige Beispiele hierzu:

  • Diese Kinder können weniger als ihre gleich stark behinderten Kollegeninnen und Kollegen.
  • Ihre Arbeitshaltung ist oft wesentlich schlechter als die ihrer gleich stark behinderten Mitschülerinnen und Mitschüler.
  • Sie verhalten sich unselbständiger.
  • Sie trauen sich weniger zu, sie sprechen auch weniger.
  • Sie sind unsicherer, verhalten sich häufig passiv, warten erst einmal ab, was passiert.

Eine weitere Auffälligkeit: Treten die Kinder dann in eine HPS ein, können sie ihre Defizite in relativ kurzer Zeit aufholen, trauen sich mehr zu, werden lernbegierig und damit auch zufriedener und glücklicher.

Eine weitere Auffälligkeit: Treten die Kinder dann in eine HPS ein, können sie ihre Defizite in relativ kurzer Zeit aufholen, trauen sich mehr zu, werden lernbegierig und damit auch zufriedener und glücklicher. Aussagen von Eltern dieser Kinder untermauern die Beobachtungen von professioneller Seite. So berichtete mir eine Mutter eines in die HPS umgeschulten Kindes, dass sie es nicht für möglich gehalten habe, dass ihr Kind in so kurzer Zeit lernt, sich selbst die Schuhe anzuziehen und zu binden. Gerade die Fortschritte in lebenspraktischen Bereichen verwundern nicht. An der HPS gehört dies zum Lehrplan, nicht so in der Regelschule.

Fazit: Weil man diesen Kindern im heute üblichen Setting der Integration nicht auf ihrem Niveau begegnet, ihre Bedürfnisse bagatellisiert und trivialisiert, führt sie sogar zu einer Vernachlässigung statt zu der beabsichtigten Förderung der Kinder. Kein Wunder also, dass die Heilpädagogischen Sonderschulen einen regen Zulauf haben. Dies aber nicht deswegen, weil mehr Kinder mit einer Behinderung geboren werden, sondern einfach, weil sie etwas später in eine HPS eintreten.

The post Schulische Integration als Bagatellisierung und Trivialisierung von Behinderung first appeared on Condorcet.

]]>
https://condorcet.ch/2021/02/schulische-integration-als-bagatellisierung-und-trivialisierung-von-behinderung/feed/ 4
Enorme Heterogenität an der Heilpädagogischen Sonderschule https://condorcet.ch/2020/03/enorme-heterogenitaet-an-der-heilpaedagogischen-sonderschul/ https://condorcet.ch/2020/03/enorme-heterogenitaet-an-der-heilpaedagogischen-sonderschul/#comments Tue, 31 Mar 2020 16:53:20 +0000 https://condorcet.ch/?p=4496

Condorct-Autor Riccardo Bonfranchi erklärt, warum in Heilpädagogischen Sonderschulen immer mehr Schwerbehinderte, aber weniger Kinder mit Down-Syndrom betreut werden. Bauchschmerzen bereitet ihm insbesondere die zunehmende Durchmischung der Klassen mit schwer Geistig- und Mehrfachbehinderten, Lernbehinderten und Verhaltensauffälligen, in einer Bandbreite, der niemand gerecht werden kann.

The post Enorme Heterogenität an der Heilpädagogischen Sonderschule first appeared on Condorcet.

]]>
Riccardo Bonfranchi, Heilpädagoge und Supervisor

In vielen heilpädagogischen Sonderschulen des Kantons Zürich bietet sich heute folgendes Bild: Neben geistig behinderten Kindern, die schon immer diesen Schultyp besucht haben, finden sich häufig auch schwer geistig und mehrfachbehinderte Kinder. Dies ist grundsätzlich auch gut so; denn auch sie haben ein Recht auf Bildung und Förderung.

Verschiebungen durch pränatale Frühdiagnostik und medizinische Entwicklungen

Tatsache ist aber auch, dass diese Gruppe in den letzten Jahrzehnten zugenommen hat. Es hat damit zu tun, dass heute weit häufiger schwerbehinderte Kinder überleben können, die früher gestorben wären. Auch die Zunahme der Überlebensmöglichkeit von Frühestgeburten hat deutlich zugenommen, nicht wenige davon mit einer schweren Behinderung. Gleichzeitig ist eine deutliche Abnahme von Kindern mit Down-Syndrom feststellbar, dies aufgrund der pränatalen Diagnostik, die heute in der überwiegenden Zahl der positiv diagnostizierten Fälle zu einer Abtreibung führt. Viele geistig behinderte Kinder, insbesondere solche mit Down-Syndrom, werden zunächst in die Regelschule integriert. Wenn sie etwas älter geworden sind, folgt häufig die Einschulung in eine heilpädagogische (Oberstufen-)Klasse.

Vermehrt Lernbehinderte und Verhaltensauffällige an Sonderschulen

Die Bandbreite an unterschiedlichen Schülern und Schülerinnen in der heilpädagogischen Sonderschule hat sich in den letzten Jahren aber vor allem auch deshalb dramatisch vergrössert, weil auch sogenannt lernbehindert-verhaltensauffällige Schüler häufiger in diesen Schulen aufgenommen werden, die eigentlich für geistig behinderte Kinder und Jugendliche eingerichtet worden sind.

Extreme Heterogenität in der Durchmischung

Grosse Unterschiede auch in heilpädagogischen Klassen.

Eine Klasse an einer heilpädagogischen Schule im Kanton Zürich sieht heute also beispielsweise wie folgt aus. Gehen wir von einer Klasse mit acht Schülerinnen und Schülern aus: Zwei der acht Schüler sind schwer geistig und mehrfachbehindert, sie verfügen über keine Lautsprache und bewegen sich auf dem entwicklungspsychologischen Niveau eines Kleinkindes unter zwei Jahren. Zwei weitere Schülerinnen sind schwer geistig, aber nicht mehrfachbehindert. Ihr Entwicklungsniveau entspricht etwa der Kindergartenstufe. Zwei weitere Schüler sind nur leicht geistig behindert und wären früher vielleicht in eine Kleinklasse eingeschult worden. Die letzten zwei der acht Schüler sind nicht geistig behindert, aber verhaltensauffällig. Sie bewegen sich selbständig in der Gemeinde, benutzen öffentliche Verkehrsmittel, fahren vielleicht Mofa, hatten aber eventuell auch schon diverse Kontakte mit der Polizei wegen Vandalismus und Sachbeschädigung oder Ähnlichem. Diese acht Schüler besuchen nun also in unserem Beispiel die gleiche Klasse an einer heilpädagogischen Schule.

Es gibt wohl keinen anderen Schultyp in unserer Schullandschaft, der so heterogen zusammengesetzt ist wie eine Klasse an einer heilpädagogischen Sonderschule.

Wie aber sieht der Unterricht aus?

Wie aber sieht der Unterricht in einer solcherart durchmischten Klasse aus? Über welche Qualifikationen muss die verantwortliche Lehrkraft verfügen, um all den verschiedenen Bedürfnissen gerecht werden zu können? Ist dies überhaupt zu leisten? Und: Ist den verantwortlichen Stellen bei der Bildungsdirektion und in der Politik bekannt, dass hier solch massive Unterschiede in den Bildungsniveaus vorhanden sind, die ein befriedigendes Fordern und Fördern kaum noch möglich machen? Es gibt wohl keinen anderen Schultyp in unserer Schullandschaft, der so heterogen zusammengesetzt ist wie eine Klasse an einer heilpädagogischen Sonderschule.

Nimmt man diese Schüler noch für voll?

Geschieht hier nicht eine Bagatellisierung bzw. Trivialisierung von Behinderung? So werden sowohl die schwer geistig- und mehrfach behinderten Schüler wie auch die lernbehindert-verhaltensauffälligen nicht für voll genommen. Wie soll man als Heilpädagoge dieser Bandbreite gerecht werden können?

Sinnvoll wäre es, die sogenannten Kleinklassen wieder einzuführen, wie dies in den Kantonen Aargau und Graubünden erwogen und teilweise umgesetzt worden ist. Zwar gelten Klassen an heilpädagogischen Schulen auch als Kleinklassen, doch ist die derzeitige Heterogenität der Entwicklungs- und Bildungsniveaus didaktisch und bildungspolitisch so nicht akzeptabel und bedarf einer neuen Lösung.

Riccardo Bonfranchi ist als selbständiger Fachberater und Supervisor im heilpädagogischen Bereich tätig.

 

 

The post Enorme Heterogenität an der Heilpädagogischen Sonderschule first appeared on Condorcet.

]]>
https://condorcet.ch/2020/03/enorme-heterogenitaet-an-der-heilpaedagogischen-sonderschul/feed/ 1
Abschaffung der Kleinklassen mit Folgen für den Berufsfindungsprozess https://condorcet.ch/2019/11/abschaffung-der-kleinklassen-mit-folgen-fuer-den-berufsfindungsprozess/ https://condorcet.ch/2019/11/abschaffung-der-kleinklassen-mit-folgen-fuer-den-berufsfindungsprozess/#respond Sat, 16 Nov 2019 13:32:01 +0000 https://condorcet.ch/?p=2880

Der Heilpädagogik-Dozent Riccardo Bonfranchi macht sich seit langem für die Kleinklassen stark. Ihre Abschaffung und die des Werkjahres, so die zentrale These in diesem Beitrag, führe bei lernbehinderten Schülerinnen und Schülern zur Deprofessionalisierung der vormals guten und notwendigen Betreuung.

The post Abschaffung der Kleinklassen mit Folgen für den Berufsfindungsprozess first appeared on Condorcet.

]]>
Riccardo Bonfranchi

Die Berufsfindung nimmt im Leben lernbehinderter Jugendlicher eine eminent wichtige Rolle ein. Der Weg dorthin unterscheidet sich fundamental von dem für geistig behinderte Jugendliche, die aufgrund ihrer kognitiven Beeinträchtigung keine Chance auf eine Stelle im ersten Arbeitsmarkt haben und für die es deshalb andere Lösungen gibt. Das gilt nicht für lernbehinderte Jugendliche, die nach ihrer Schulzeit auf einem Niveau zwischen der 4. und  6. Klasse abschliessen und mit entsprechender Begleitung im ersten Arbeitsmarkt Fuss fassen sollen. In der Regel besteht der Anschluss nicht in einer Lehre (Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis, EFZ), sondern bewegt sich im Bereich des Eidgenössischen Berufsattests (EBA), ehemals Anlehre genannt. Diese Problematik hat man bereits in den 1970er Jahren erfasst und gehandelt, indem man das sogenannte Werkjahr konzipiert hatte, eine äusserst effiziente und erfolgreiche Einrichtung. Es fiel zwischen 2005 – 2015 dem Integrations-Hype zum Opfer und wurde aufgelöst. Ersatzlos. Dabei gab es meines Wissens keine Qualitätskontrolle bei der Entscheidung.

Man tat es einfach, ohne sich über die Konsequenzen Gedanken zu machen.

Man tat es einfach, ohne sich über die Konsequenzen Gedanken zu machen. Das gilt es nachzuholen, indem ich einen Blick werfe auf die spezifische Aufgabenstellung des Werkjahres – die es übrigens in allen Deutschschweizer Kantonen gab – und auf den Versuch, diese grosse Lücke heute durch ein deprofessionalisiertes Mentoring zu füllen.

Das Werkjahr

Werkjahre hatten eine wichtige Funktion

Man tat es einfach, ohne sich über die Konsequenzen Gedanken zu machen. Um lernbehinderte Schülerinnen und Schüler kompetent in den ersten Arbeitsmarkt zu führen, gab es das Werkjahr in sämtlichen Kantonen. In einigen war es als obligatorisches 9. Schuljahr, also als Abschlussjahr der Kleinklassen, konzipiert, in anderen Kantonen als freiwilliges 10. Schuljahr. Die Inhalte waren aber überall mehr oder weniger gleich.

Im ersten Quartal hatte der Berufswahlunterricht (Fach: Arbeitslehre) neben dem Allgemeinbildenden Unterricht (Rechnen, Deutsch, Staatskunde, Geographie/Geschichte) und den manuellen Fächern (Hauswirtschaft, Textil, Holz, Metall, ev. auch noch Stein und Farbe) einen zentralen Stellenwert. Zusätzlich zu allgemeinen Informationen zur Arbeitswelt wurden Informationstage in einzelnen Branchen vorbereitet und durchgeführt. Jede Schülerin und jeder Schüler hatte während des ersten Quartals etwa acht Informationstage in unterschiedlichen Branchen zu absolvieren. Ergänzt wurden sie in der Schule mit dem Material der Berufsberatung und Handwerklich-motorischen Eignungstests (HAMET). Einzelgespräche mit den Lernenden und ihren Eltern dienten dazu festzustellen, in welchen Bereichen ihr Kind Schnupperlehren absolvieren sollte. Während dieser zweiwöchigen Schnupperlehren wurden die SchülerInnen von ihrer Lehrkraft aktiv betreut und erhielten Unterstützung, indem diese im Betrieb vorbeischaute. Nebenbei erwähnt: Lehrbetriebe sind mit der Zeit dazu übergegangen, nur noch einwöchige Schnupperlehren anzubieten, zum Nachteil lernbehinderter Kandidaten, da diese oft länger brauchen, sich in einer fremden Umgebung zurechtzufinden und zu akklimatisieren. Die Praxis hat gezeigt, dass Lernbehinderte bis zu fünf Schnupperlehren absolvieren müssen, damit sie ihr volles Potential abrufen können. Auch dafür brauchen sie eben länger als ein durchschnittlich begabter Schüler aus der Regelschule. Das Werkjahr bot hierfür die nötige Zeit.

Werkjahre waren ein hochspezialisierter Schultypus

Aufgrund der Veränderung der Arbeitswelt in den letzten 30 Jahren erscheint die Existenz eines solchen Werkjahres notwendiger denn je. Leider hat man sich für das Gegenteil entschieden, nämlich die Abschaffung dieses differenzierten, hoch-spezialisierten und professionell die Probleme angehenden Schultypus. Wer darunter zu leiden hat, muss hier nicht weiter erwähnt werden. Ich habe bereits in anderen Publikationen die Auswirkungen moderner Technologien auf lernschwächere Jugendliche ausführlich erläutert und beschränke mich hier auf eine Zusammenfassung in Form von 10 Thesen:

  1. Die Auswirkungen moderner Technologien auf lernschwächere Schüler und Schülerinnen im Arbeitsbereich sind evident.
  2. Die Bewältigung der Umwelt verändert sich nicht nur durch die Einführungen elektronischer Geräte, elektronisch gesteuerter Maschinen, social-media etc., sondern vor allem auch durch die ungeheure Komplexitätszunahme ehemals einfach zu durchschauender Abläufe.
  3. Lernschwächere Schülerinnen und Schüler laufen Gefahr, durch diese technologische Revolution verstärkt ins Hintertreffen zu geraten, und sind einer sich verstärkenden Marginalisierung ausgesetzt sind.
  4. Die fortschreitende Automatisierung, insbesondere im handwerklich und in intellektuell weniger anspruchsvollen Berufsbereichen führt zu einer zunehmenden Dequalifizierung lernbehinderter Schüler.
  5. Dem steht eine Zunahme an Anforderungskomponenten gegenüber, wie Flexiblität, Teamfähigkeit, dauernde Lernbereitschaft, erhöhtes Symbolverständnis, erhöhter Abstraktionsgrad etc., Kompetenzen, die diametral zu den Stärken lernbehinderter Schülerinnen und Schüler stehen.
  6. Die Folge davon: Intelligente werden immer intelligenter; «Dumme» werden immer «dümmer».
  7. Es ist dringend geboten, sich Gedanken darüber zu machen, wie lernschwächere Menschen in der Zukunft – ohne fremde Hilfe – in den Arbeitsprozess integriert werden, um eine wirtschaftliche Lebensgrundlage zu erhalten.
  8. Regelschulen mit integrierten lernschwächeren Schülerinnen und Schülern müssen dieser grossen Herausforderung gesellschaftlicher Natur gerecht werden und die Politik entsprechend fordern.
  9. Die Lehrkräfte müssen die modernen Technologien sowie die zunehmende Komplexität unserer Welt – auch mit kritischem Blick – akzeptieren und bejahen.
  10. Sie müssen in die Lage kommen, lernschwächeren Schülerinnen und Schülern die nötigen Inhalte und Fertigkeiten zu vermitteln, damit sich die in 6. genannte Schere nicht noch weiter öffnet.
Bild: AdobeStock

Die Thesen sind idealtypischer Natur, die Realität zeigt ein anderes Bild: RegelklassenlehrerInnen mit integrierten lernschwachen SchülerInnen können nicht kompensieren, was durch den Wegfall des Werkjahres an Betreuung fehlt. Sei es, weil sie zu wenig Ahnung von der Ausbildungen im Bereich der Attest-Lehre haben oder sei es, weil es einfach zu wenig Kapazitäten, sprich Zeit, gibt, um diesem Anspruch gerecht zu werden. Die besondere Betreuung von ehemaligen KleinklassenschülerInnen, insbesondere auch derjenigen mit fremdländischem Hintergrund, ist dabei ein pädagogisches Muss.

Mentoring als schwächlicher Ersatz für das Werkjahr

Was wird nun neu als Lösung angeboten? Man setzt auf Freiwillige, die ehrenamtlich in ihrer Freizeit lernschwache Jugendliche in ihrem Berufsfindungsprozess, also bei der Lehrstellensuche, begleiten. Man spricht von Mentoring. MentorInnen arbeiten in Ergänzung zu den Lehrkräften und unter Anleitung der BerufsberaterInnen.

Was also vorher von einer ausgewiesenen Fachkraft in den Werkjahren mit grossem Erfolg –das darf hier herausgestrichen werden – durchgeführt worden ist, wird nun auf mehrere Personen aufgeteilt. Dabei sind die Kompetenzen völlig unklar und müssen jeweils zwischen allen Beteiligten ausgehandelt werden.

Was also vorher von einer ausgewiesenen Fachkraft in den Werkjahren mit grossem Erfolg –das darf hier herausgestrichen werden – durchgeführt worden ist, wird nun auf mehrere Personen aufgeteilt. Dabei sind die Kompetenzen völlig unklar und müssen jeweils zwischen allen Beteiligten ausgehandelt werden. Dass diese Situation lernbehinderte Jugendliche überfordern dürfte, erscheint nachvollziehbar, wenn man weiss, über welch geringe Kompetenzen diese Jugendlichen verfügen. Dabei soll das Engagement dieser MentorInnen in keiner Art und Weise infrage gestellt werden. Wie aber Menschen ohne Vorbildung in Bezug auf Förderung und Betreuung lernbehinderter Jugendlicher, häufig noch mit fremdländisch-kulturellem Hintergrund, diese Aufgabe erfüllen sollen, die vor Jahren fachspezifisch geschultes Personal, eben das der Werkjahre, durchgeführt hat, erscheint mir in höchstem Masse problematisch zu sein. Es ist ein erneutes Beispiel dafür, dass die sog. Integration bei der Lösung komplexer gesellschaftlicher Aufgaben versagt.

Über eine erneute Implementierung des Werkjahres ins allgemeine Schulsystem sollte man ernsthaft wieder nachdenken.

 

 

The post Abschaffung der Kleinklassen mit Folgen für den Berufsfindungsprozess first appeared on Condorcet.

]]>
https://condorcet.ch/2019/11/abschaffung-der-kleinklassen-mit-folgen-fuer-den-berufsfindungsprozess/feed/ 0
Der Inklusions-Wirrwarr https://condorcet.ch/2019/10/der-inklusions-wirrwarr/ https://condorcet.ch/2019/10/der-inklusions-wirrwarr/#comments Mon, 21 Oct 2019 15:10:03 +0000 https://condorcet.ch/?p=2511

Um sich im Wirrwarr von Inklusion und Exklusion zurechtzufinden und das Konzept der Heilpädagogischen Sonderschulen nicht vorschnell als überlebt abzutun, hat Condorcet-Autor Riccardo Bonfranchi Literatur zusammengestellt, die als Kompass durch die Fragwürdigkeiten dieses grossen pädagogischen Themas führt.

The post Der Inklusions-Wirrwarr first appeared on Condorcet.

]]>

Eine Synopse

In der Frage, inwieweit auch verhaltensauffällige, lern- und geistig behinderte Kinder die Regelschule besuchen sollen, scheiden sich – nach wie vor – die Geister. Im Folgenden will ich, der ich eindeutig zu den Kritikern der Integration von behinderten Kindern und Jugendlichen gehöre, keine Stellungnahme mehr abgeben. Ich habe dies bereits zur Genüge getan und auf eine Menge von Gründen hingewiesen, die diese zumeist unreflektierte Integration ad absurdum führen. Im Folgenden will ich auf mehrere Veröffentlichungen hinweisen, die m. E. in der (Deutsch-)Schweiz auf zu wenig Beachtung gestossen sind. Beginnen werde ich mit einer Veröffentlichung, die sich aus philosophischer Sicht mit der Inklusion auseinandersetzt. Die nachfolgenden Beiträge beziehen sich dann immer auf die sogenannte Inklusion von behinderten Kindern und Jugendlichen. Dabei ist mein erkenntnisleitendes Interesse immer auf die Personengruppe der Kinder und Jugendlichen mit einer geistigen Behinderung gerichtet. Zusätzlich zu der Problematik ihrer Integration bzw. Inklusion in die Regelschule ergibt sich hierbei ausserdem noch das Problem der advokatorischen Ethik (Brumlik). Dies im Gegensatz zu sinnes- und körperbehinderten Menschen. Auf diese Problemstellung wird hier nicht eingegangen. Einige wenige persönliche Anmerkungen, die ich jeweils auch als solche vermerkt habe, seien mir gestattet.

Dr. Hauke Behrendt, Bild: Institut für Philosophie,
Universität Stuttgart
  1. Hauke Behrendt: Teilhabegerechtigkeit und das Ideal einer inklusiven Gesellschaft
    In: Zeitschrift für Praktische Philosophie, Band 5, Heft 1, 2018, S. 43 – 7

Behrendt stellt eingangs in seinem Artikel fest, dass heute im allgemeinen Sprachgebrauch der Begriff der Inklusion einen Gemeinplatz darstellt, unter dem sich jeder etwas anderes vorstellt. Behrendt: «Wer umgekehrt von Exklusion spricht, benennt damit in der Regel scheinbar ebenso selbstverständlich einen sozialen Missstand, der behoben werden sollte.» (S. 45) So werde die Heilpädagogische Sonderschule als eine exkludierende Institution dargestellt, die eben aufgehoben werden müsse. Behrendt fragt kritisch, ob es denn denkbar wäre, dass es auch Fälle von schlechter Inklusion gebe. Oder ist Inklusion ein Selbstwert an sich, d. h. an sich gut, immer und überall? Das sieht er keineswegs so. Er weist in seinem Artikel nach, dass 1. Inklusion keinen Eigenwert hat, sondern immer normativ von den ihr zugrundeliegenden Praktiken, auf die sie sich bezieht, abhängig ist und zum 2., dass Exklusion sehr wohl auch moralisch zulässig sein kann und deshalb keine Forderungen der Teilhabegerechtigkeit verletzt werden, «wenn damit die Situation jedes Betroffenen dauerhaft verbessert wird» (S. 46). Behrendt geht davon aus, dass, wenn jemand inkludiert wird, dieser jemand es anschliessend eben auch ist. Aber, so mein Einwand, auch wenn ein geistig behindertes Kind in der Regelschule platziert ist, wird es nie inkludiert sein, weil seine geistige Behinderung damit nicht aufgehoben werden kann. Dies scheint mir ein grosses Missverständnis auf Seiten der Inklusions-Befürworter zu sein. Behrendt: «Inkludiert zu sein, heisst somit, innerhalb eines verstetigten Praxiszusammenhangs Zugang zu den vorhandenen Rollen zu besitzen, die bei Einnahme der entsprechenden Positionen von allen Beteiligten (inklusive des Trägers selbst) in ihren aufeinander bezogenen Aktivitäten wechselseitig anerkannt werden (müssen)» (S. 50f.). Geht man nun davon aus, dass eine Heilpädagogische Sonderschule in der Gesellschaft genauso inkludiert ist wie eine Regelschule, so bedeutet das keineswegs, dass der moralische Wert der Schüler und Schülerinnen, die eben diese HPS besuchen, in irgendeiner Weise geringer ist als derjenigen der Regelschulabsolventen. Behrendt meint hierzu, dass aus der moralischen Forderung, alle Personen als Gleiche zu behandeln, nicht abgeleitet werden könne, dass sie auch gleich behandelt werden. Kinder und Jugendliche haben den Anspruch, auf die gleiche Weise mit Achtung und Rücksicht behandelt zu werden wie jeder andere auch. Exklusion dürfe nicht per se mit diskriminierender Ausgrenzung gleichgesetzt werden, wie dies die Inklusionsbefürworter immer wieder (gebetsmühlenartig) vorbringen. Behrendt: «Gerade weil man allen Menschen mit dem gleichen Respekt begegnen muss, kann es in Hinblick auf ihre individuellen Besonderheiten geboten sein, im Ergebnis nicht alle strikt gleich zu behandeln.» (S. 59) Behrendt schliesst mit dem Fazit, dass es nicht die eine Forderung nach Teilhabegerechtigkeit gebe, «sondern insgesamt so viele, wie es soziale Praktiken gibt, die zur Verfolgung vernünftiger Lebenspläne beitragen.» (S. 67) Schlussendlich ist von meiner Seite her zu fragen: Wem nützt die heutige Inklusions-Diskussion in der Sonderpädagogik letztendlich? Denjenigen, die sie vehement fordern, oder denjenigen, die sie letztendlich ausbaden müssen, nämlich den Kindern und Jugendlichen mit einer geistigen Behinderung sowie deren Eltern?

 

  1. Otto Speck: Inklusive Missverständnisse
    In: Süddeutsche Zeitung vom 26.1.2015

«Das Gesetz zur schulischen Inklusion behinderter Kinder basiert auf Übersetzungs- und Denkfehlern. Wenn Förderschulen abgeschafft werden, überfordert das Kinder und Lehrer. Und es spart kein Geld.»

Dilemma Inklusion
Otto Speck
Reinhardt-Verlag

Der auch in der Deutschschweiz bekannte, mittlerweile emeritierte Professor für Sonderpädagogik aus München zeigt auf, dass es bei der Umsetzung bzw. Übersetzung der von den Vereinten Nationen beschlossenen Konvention zu einem fatalen Missverständnis gekommen ist. Es wurde nämlich der Begriff der Inklusion mit der vollständigen Abschaffung des Förderschulsystems gleichgesetzt. Förderschulen sind mit den auch bei uns abgeschafften Kleinklassen identisch. Speck: «Merkwürdigerweise lässt sich in der UN-Richtlinie keine Belegstelle finden, aus der eine solche Radikallösung abzuleiten gewesen wäre». Im weiteren ist dann auch von einer unzulässigen Vermengung der Begriffe «Integration» und «Inklusion» die Rede. Nachdem der Begriff der Integration lange Zeit als gültig angesehen wurde, wurde dieser plötzlich durch den Begriff der Inklusion ersetzt. Sonderschulen konnten damit als exklusiv, also als ausschliessend, tituliert und, wie ich meine, auch diskreditiert werden. Aber wie ich auch schon an anderer Stelle aufgezeigt habe, bedeutet Inklusion immer AUCH Exklusion. Ich kann nicht katholisch und reformiert sein. Ich kann nicht Mann und Frau gleichzeitig sein (Transgender sind hierbei nicht gemeint) usw. Die Systeme, so Speck weiter, gliedern sich immer weiter auf und exkludieren damit. So gibt es Altersheime, mittlerweile aber auch Heime für demenzerkrankte Menschen. Speck: Vor diesem Hintergrund verbietet es sich, institutionelle Gruppierungen schlechthin als exkludierend zu denunzieren». Speck weist auch darauf hin, dass in der UN-Konvention davon ausgegangen wird, dass kein Kind oder Jugendlicher vom «general education system» ausgeschlossen werden darf. Dabei wollte man sicherstellen, dass die ca. 25 Millionen Kinder auf der Welt mit einer Behinderung eine Schule nach ihren Bedürfnissen besuchen dürfen. Davon, dass sie in eine Regelschule miteingeschlossen (!) werden sollen, ist dabei nirgends die Rede. Ein inklusives Bildungssystem, so die Konvention, muss auch darum besorgt sein, dass diese Kinder eine schulische Förderung erhalten. Speck schliesst nun daraus, dass aus der Formulierung «general» fälschlicherweise der deutsche Begriff «allgemein» abgeleitet worden sei. Zum allgemeinen Schulsystem gehören aber, wie ich meine, auch Kleinklassen und Schulen für geistig behinderte Kinder. Im Übrigen wurde die Wirksamkeit dieser speziellen Schulen nie in Zweifel gezogen. Mir ist keine Studie bekannt, die aussagt, dass Kleinklassen nicht ihre Ziele erreicht hätten. Der Streit spielt sich i.d.R. auf einer ideologischen Ebene ab. Diese basiert aber, wie Speck aufzeigt, auf einem fatalen Missverständnis. Abschliessend weist er noch darauf hin, dass ein inklusives Schulsystem weitaus teurer käme als ein System mit einem differenzierenden Angebot.

  1. Ewald Kiel: Die säkulare Religion.
    In: Cicero: 28.2.201

    «Die Debatte um die schulische Inklusion hat religiöse Züge angenommen. Skepsis und Erkenntnisse, die den Erfolg in Zweifel ziehen könnten, werden ignoriert oder nur am Rande behandelt. Das schadet am Ende der Sache selbst.»

Edvard Kiel Bild:
Bild: Cicero.de
Ewald Kiel ist Ordinarius für Schulpädagogik an der LMU München und war Direktor des Departments für Pädagogik und Rehabiltation sowie Mitglied des Universitätssenats. Er hat ein Inklusionskonzept für die Stadtschulen Münchens entworfen.

Kiel zeigt auf, dass Befürworter der Inklusion im Grunde eine umwälzende Veränderung der gesamten Gesellschaft fordern. Die Ansicht, dass die Feststellung unterschiedlicher Leistungspotentiale bei Menschen stigmatisierend sei, ist seiner Ansicht nach wirklichkeitsfremd. Kiel: «In der von radikalen Inklusionsproponenten erträumten schönen neuen inklusiven Welt spielen Leistung, Normen und Kategorien keine Rolle. Alle Menschen werden glücklich, wenn sie politisch korrekt, nicht-kategorisierend, nicht-stigmatisierend und nur wertschätzend miteinander interagieren und allen das gleiche Mass an gesellschaftlicher Teilhabe möglich ist.» Für Kiel ist dann von besonderem Interesse, wie mit Skeptikern dieser Ideen umgesprungen wird. Stimmen, die sich kritisch mit dieser Inklusions-Idee auseinandersetzen, werden «marginalisiert». Was nicht in das Inklusions-Weltbild passt, wird ausgeblendet; es geht um den richtigen Glauben. Kiel: Abweichler seien in ihrer Entwicklung einfach noch nicht so weit oder sie müssten noch Trauerarbeit über den Verlust der ihnen bekannten (nicht-inklusiven) Welt leisten, heisse es dann. Diejenigen, die sich trauen, Inklusion als solche anzuzweifeln, werden, so Kiel, als sexistisch, rassistisch oder sozialdarwinistisch tituliert. Dabei ist nicht zu übersehen, dass gelungene Inklusionsbeispiele Mangelware sind. Die Unzufriedenheit auf der Ebene der Praxis ist im Grunde unüberhörbar. So werden Einzelbeispiele medial hochgejubelt, über deren wahrer Erfolg manchmal eher Zweifel angebracht wären. Kiel: «Es finden sich vielfache Heldengeschichten von Kindern und Jugendlichen, die trotz Behinderung erfolgreich in dieser Gesellschaft agieren. Personen mit Trisomie 21, die einen Haupt- oder sogar Hochschulabschluss machen, Autisten, die erfolgreiche Programmierer im Silicon Valley sind oder schwer körperbehinderte Personen, die erfolgreich als Künstler sind.» Damit wird suggeriert, dass dies für alle Menschen mit einer Behinderung möglich sein wird, wenn wir nur die Inklusion verwirklichen. Aber diese Geschichten lassen sich nicht generalisieren. Kritisch ist aber hierbei zu fragen, ob es diese Geschichten nicht auch ohne Inklusion geben würde oder, so wage ich anzufügen, nicht auch schon immer gegeben hat? Abschliessend macht Kiel darauf aufmerksam, dass es keine allgemeingültige Definition von Inklusion gebe und deshalb sich dieser Begriff auch für Ausgestaltungen utopischer Ideen jeglicher Couleur besonders eigne. Inklusion, so Kiel, teilt die Welt in Gläubige und Ungläubige. «Die zentrale nicht religiöse Frage, wie eine moderne, leistungsorientierte, kapitalistische Gesellschaft mit der Idee der Inklusion versöhnt werden kann, wird so nicht beantwortet».

Felten: Die Inklusionsfalle
Bild: eulenfisch.de
  1. Michael Felten: Die Inklusionsfalle. Wie eine gutgemeinte Idee unser Bildungssystem ruiniert
    Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2017

Felten beginnt sein Buch mit der Frage: Schulische Inklusion – Traum oder Trauma? «Stell’ Dir vor, Du beteiligst Dich an einer grossen Weltverbesserungsaktion – und am Ende sieht die Erde übler aus als zuvor.» (S. 8) So beklagt Felten denn auch, dass an unseren Schulen, bedingt durch die Inklusion, ein zunehmendes Chaos herrsche (S. 19). Sein Fazit lautet bereits auf Seite 57: «Schulische Inklusion scheint vielerorts den Möglichkeiten und Bedürfnissen aller Beteiligten krass zuwiderzulaufen …» – dass es sich um einen Systemfehler handelt, um konzeptionelle Irrtümer, womöglich um ideologische Irreführung. Dann aber muss die Frage anders gestellt werden: Warum machen «die» das? Das ist m. E. eine sehr gute Frage, die mich schon seit Jahren umtreibt. Felten geht dieser Frage nach. In einer beeindruckenden Fülle von Praxisbeispielen zeigt er dezidiert auf, woran Inklusion scheitert, scheitern muss und warum sie letztendlich die von ihr selbst postulierten Ziele in keiner Art und Weise erreicht, erreichen kann. Oder noch klarer formuliert: warum sie die Entwicklung des Schulsystems, das ja bedürfnisorientiert vorgehen sollte, torpediert bzw. zugrunde richtet. Felten fordert denn auch: «Vielfalt statt Einheitsbrei» (S. 117).

Becker: Die Inklusionslüge
Bild: transkript.verlag.de
  1. Uwe Becker: Die Inklusionslüge –Behinderung im flexiblen Kapitalismus
    Transcript Verlag, Bielefeld 2016 (2. unver. Aufl.)

Becker stellt zunächst die Frage nach der Qualität der Sonderschulen und gelangt dann zu der verbreiteten Ansicht, dass Exklusion als behindertenfeindlich gilt, aber diese Aussage kann eben nicht sauber belegt werden. Inklusion hingegen bezeichnet er als einen sakralen Akt. Von hier ist dann der Schritt nicht weit, die Heilpädagogische Sonderschule mit sogenannten Nicht-Inkludierten als «Müllhalden-Schule» zu bezeichnen. Denn so wird sie wahrgenommen, und die Inklusionsbewegung hat keinen geringen Anteil daran. Beckers Zwischenfazit: Es findet eine Diffamierung der Spezialisierung und Qualität der hochdifferenziert arbeitenden Sonderschule statt.

Im Gegensatz dazu steht der Umstand, dass unsere moderne Gesellschaft immer mehr Ungleichheiten und Spezialisierungen erwirkt. Unsere Gesellschaft ist bestimmt durch Konkurrenz und Selektion. Die Gefahr des Scheiterns wird dadurch immer grösser. Die Politik begegnet dieser Entwicklung mit einer gewissen Ignoranz. Man nahm an, dass durch die Auflösung der Kleinklassen die Ausgaben in diesem Bildungssektor vermindert werden könn(t)en. Welch verhängnisvoller Irrtum, wie auch Becker meint.

Inklusionsbefürworter sind der Ansicht, dass durch den Besuch einer Sonderschule eine Stigmatisierung dieser Schüler und Schülerinnen stattfindet. Dem hält Becker entgegen, dass genau das Gegenteil der Fall sein könnte. Als Behinderter eine Regelschule besuchen zu müssen, erhöht dieses Stigma eventuell gar noch, keinesfalls wird es, d.h. die Kennzeichnung, ein Aussenseiter zu sein, aufgehoben. Die Leistungsanforderungen einerseits und das verminderte Aufnahmevermögen andererseits (aus welchen Gründen auch immer) tun hierbei ein Übriges. Gleiche Chancen für alle bezeichnet Becker als ein fiktives Konstrukt. Er fragt: Wo ist die Grenze des Zumutbaren für alle Beteiligten? So kann die Schliessung der Kleinklassen nur als eine radikal-naive Massnahme bezeichnet werden. Die Realität der heutigen Regelschulen ist weit davon entfernt, Schülern mit Lernschwierigkeiten, sei es weil sie lern- oder geistig behindert oder verhaltensauffällig sind, wirklich bessere Lernchancen zu bieten. Denn die Sonderpädagogik verliert im Grunde ihre Rolle nicht. Auch ihre Bagatellisierung wird durch die Inklusionsphantasie in keiner Art und Weise geschmälert. Deshalb können Regelschulen Sonderschulen nicht entbehrlich machen. Dies beweist auch die Tatsache, so mein Einwand, dass viele in der Regelschule «inkludierten» Schüler und Schülerinnen in der Mittel- bzw. Oberstufe an eine Sonderschule wechseln. Die Effizienz der sogenannten heilpädagogischen Begleitung in der Regelschule ist weniger als ein Tropfen auf einem heissen Stein. Der einzige Vorteil, den diese Begleitungen bieten, ist der, dass insbesondere weibliche Heilpädagoginnen eine Teilzeitstelle inne haben können, ohne dass sie die Verantwortung für eine Klasse übernehmen müssen.

Becker folgert, dass es im Grunde keine Exklusion aus der Gesellschaft geben könne. Ihm geht es um die Ausgrenzungen in Institutionen, letztendlich um Armut in einer Wohlstandsgesellschaft. Immer der Schwächste zu sein in einem Klassenverband, keine eindeutige Bezugsperson zu haben, so meine Überzeugung, kann das Selbstwertgefühl eines behinderten Kindes nicht fördern.

Bernd Ahrbeck
bild: Amazon
  1. Bernd Ahrbeck: Der Umgang mit Behinderung
    Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2011

Konzentrieren wir uns bei dieser Veröffentlichung auf das 4. Kapitel: «Inklusion – Oder bis alle Unterschiede eingeebnet sind» (S. 43ff.). Ahrbeck macht darauf aufmerksam, dass die von den Inklusionsbefürwortern immer wieder vorgebrachte These, dass gemeinsamer Unterricht für alle förderlich sei, eine Illusion ist und empirisch nicht belegt werden konnte. Dies entspricht auch meinen (nicht-empirisch belegten) Beobachtungen über Jahre. D.h., dass geistig behinderte Schüler und Schülerinnen, die in die Mittel- bzw. Oberstufe einer Heilpädagogischen Sonderschule gewechselt haben, nachdem sie mehrere Jahre in der Regelschule verbracht haben, in ihrem Förderpotential, sowohl was die Dinge des täglichen Lebens anbelangt als auch die Kenntnisse in den Kulturtechniken, oft weit unter denjenigen Schülern und Schülerinnen lagen, die spezifisch und professionell seit der Einschulung eine Heilpädagogische Einrichtung besucht haben. Das Problem liegt m. E. daran, dass Inklusionsbefürworter der Inklusion einen Eigenwert zumessen, den diese aber gar nicht haben kann. Ahrbeck: Das erklärt, wieso das Inklusionsanliegen so vehement und mit (über)grosser Selbstgewissheit vertreten wird, teilweise in bemerkenswert lockerer Bezugnahme zur empirischen Realität» (S. 45). Diese Haltung erschwert natürlich eine sachliche Auseinandersetzung. Im Folgenden analysiert Ahrbeck dann eine Reihe von Veröffentlichungen, die sich kritisch mit der Inklusion auseinandersetzen. Ahrbeck, der sich auch auf Kobi, den grossen Schweizer Heilpädagogen aus Basel, bezieht, bezeichnet insbesondere die Gefahr der Inklusion als eine «totale Institution», der sich niemand entziehen kann (vgl. S. 53). Ahrbeck: «Grossen Wert legt Kobi darauf, dass die Autonomie des Individuums geachtet wird.» (S. 53) Interessant finde ich den abschliessenden Gedanken von Ahrbeck, dass sich z. B. geistig behinderte Kinder eben auch untereinander viel geben können: Die Möglichkeiten von Kindern mit Behinderung, sich gegenseitig zu bereichern, werden gegenwärtig vielfach unterschätzt, gepaart mit einer Überhöhung des kollektiven Gemeinwohls.» (S. 54)

Bild: social.net
  1. Ju-Hwa Lee: Inklusion. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Konzept von Andreas Hinz
    Oberhausen 2010

Lee hat sich der Mühe unterzogen und hat das Konzept von A. Hinz, der als dogmatischer Befürworter der Inklusionsbewegung in Deutschlang gilt, einer näheren Betrachtung unterzogen. Angesichts der über 200 Seiten soll hier lediglich auf sein Fazit eingegangen werden. Lee stellt zum einen fest, dass der Inklusionsbegriff aus dem angelsächsischen Raum stammt. Im Zusammenhang mit dem Integrationsbegriff «ergeben sich hierzulande Verwirrungen um den Inklusionsbegriff» (S. 201). Lee fragt, ob dieser Kontrast, wie er von Hinz stark in den Vordergrund geschoben wird, im deutschsprachigen Raum überhaupt seine Berechtigung hat. Sehr problematisch ist natürlich die Abwertung der exkludierenden Sonderpädagogik. Lee: Zu fragen bleibt, ob der Grund abwertender Haltung gegenüber sonderpädagogischer Unterstützung wirklich in sich selbst liegt oder vielmehr in der Einstellung der Menschen, die zunehmend auf Erfolge ausgerichtet sind.» (S. 210) Lee kommt denn auch zum Schluss, dass das Inklusionskonzept nicht kann, dass mit der Abschaffung jeglicher Kategorisierung und sonderpädagogischer Förderung das Aussonderungs- und Diskriminierungsproblem tatsächlich gelöst wird. Lee: «Das Inklusionskonzept von Hinz mit seiner rigorosen Forderung nach einem sogenannten unspezifischen Personenkreis, der ‚alle’ umfassen soll, kann unter diesen Umständen nicht als alternativloser Weg angesehen werden.» (S. 211)

The post Der Inklusions-Wirrwarr first appeared on Condorcet.

]]>
https://condorcet.ch/2019/10/der-inklusions-wirrwarr/feed/ 4
Schulische Integration auf dem Rückzug https://condorcet.ch/2019/06/schulische-integration-auf-dem-rueckzug/ https://condorcet.ch/2019/06/schulische-integration-auf-dem-rueckzug/#comments Sat, 08 Jun 2019 09:27:35 +0000 https://lvb.kdt-hosting.ch/?p=1329

Schulische Integration von behinderten Schülern könne so nicht weitergeführt werden. Als Grund werden vor allem die verhaltensauffälligen Kinder und Jugendlichen genannt, die ihre Lehrkräfte an den Rand der Belastbarkeit führen. Condorcet-Autor Riccardo Bonfranchi hält dies für eine fatale Argumentation, weil der «Schwarze Peter» hier einer Gruppe von Kindern zugewiesen wird.

The post Schulische Integration auf dem Rückzug first appeared on Condorcet.

]]>

Vermehrt konnte man in den vergangenen Wochen lesen, dass die schulische Integration von behinderten Schülern so nicht weitergeführt werden könne. Als Grund werden vor allem die verhaltensauffälligen Kinder und Jugendlichen genannt, die ihre Lehrkräfte an den Rand der Belastbarkeit führen – oder gar darüber hinaus. Dies ist, aus meiner Sicht, eine fatale Argumentation, weil der «Schwarze Peter» hier einer Gruppe von Kindern zugewiesen wird, die gar nichts für das Scheitern des Ansatzes können. Ausgeblendet wird, dass die schulische Integration behinderter Kinder – dies betrifft sowohl lern- als auch geistig behinderte Kinder – in der praktizierten Form gar nicht durchführbar ist. Unabhängig von der Frage, ob die Regelschule der komplexen Aufgabe, behinderte Kinder adäquat zu fördern, überhaupt gerecht werden kann und ob dies ihre Aufgabe ist, darf nicht vergessen werden, dass insbesondere der oft ins Feld geführte soziale Aspekt gar nicht zum Tragen kommt.

Überforderung als Markenzeichen der Integration

Oft wird postuliert, wie «schön» es doch sei, wenn behinderte und nicht-behinderte Kinder und Jugendliche zusammenkämen. Und natürlich, dem ist zuzustimmen. Ob dies allerdings gerade in einem intellektuellen Raum des Lehrens und Lernens geschehen kann, erscheint mehr als fraglich. Wenn ein Schüler Tag für Tag miterlebt, dass er grosse Teile des im Unterricht behandelten Stoffes nicht versteht, wird ihn das wohl kaum glücklich machen. Die Zahlen von behinderten Schülern, die in der Mittel- bzw. Oberstufe an eine Heilpädagogische Sonderschule wechseln, legen hiervon beredtes Zeugnis ab. Insbesondere die soziale Austauschsituation überfordert häufig behinderte genauso wie nicht-behinderte Kinder. An einer Primarschule im Kanton Zürich habe ich beobachten können, wie der Lehrer mit den Regelschülern heimlich – also ohne Wissen des behinderten Kindes – einen Begleit-Ämtliplan aufgestellt hat, damit jeweils zwei Kinder sich eine Woche lang um den behinderten Mitschüler kümmern. Zuvor hatte dieser nämlich wochenlang ganz alleine seine Pausen verbracht.

Man wollte alles und hat nichts erreicht.

So eine Vorgehensweise ist gut gemeint, zeigt aber deutlich auf, dass eine solche (Schein-)Integration, die lediglich auf eine gemeinsam verbrachte Zeit hinausläuft, wohl kaum den hohen Zielen, die sich die Befürworter auf ihre Fahnen geschrieben haben, gerecht werden kann. Dass nun gerade die verhaltensauffälligen Schüler dafür herhalten müssen, dieses Experiment zu beerdigen, macht die Sache nicht besser. Alternative Modelle, wie beispielsweise eine Teil-Integration oder gemeinsam durchgeführte Projekte wie Lager, Zoo-Besuche oder vergleichbare Möglichkeiten, die Integration auf einem «sanfteren» Weg durchzuführen, haben nie Anklang bei der Bildungsdirektion gefunden. Man wollte alles und hat nichts erreicht.

Höhlenwanderung einer Oberstufenklasse des OSZ-Orpund mit einer Lerngruppe der heilpädagogischen Tagesschule in Biel. Foto: api

Erhöhte Anzahl an Teilpensen als Reaktion der Lehrerschaft

Zu guter Letzt soll noch auf einen Widerspruch hingewiesen werden, der im Zusammenhang mit der Misere steht. Die Bildungsdirektion in Zürich strebt an, die Teilpensen an Schulen zu reduzieren, um dem zunehmenden Lehrermangel Herr zu werden. Wie das umgesetzt werden soll, ist nicht bekannt. Denn gerade die heutige Integrationspraxis ist massgeblich dafür verantwortlich, dass die Teilpensen üppig ins Kraut geschossen sind. Viele der Heilpädagoginnen, die in mehreren Klassen die stundenweise Begleitung behinderter Kinder sicherstellen und sich immer wieder auf neue Situationen und Kooperationen einstellen müssen, arbeiten nämlich Teilzeit. Diverse Gemeinden haben längst damit begonnen, kleine Klassen einzurichten, die den früheren Kleinklassen in auffallender Weise gleichen – nur dass diese nicht von Heilpädagogen geführt werden, sondern von nicht dazu ausgebildeten Oberstufenlehrkräften. Dass andererseits viele verhaltensauffällige Schüler umgeteilt werden auf Heilpädagogische Sonderschulen, die aber inzwischen auf Schüler mit einer geistigen Behinderung ausgerichtet sind, zeigt deutlich die Überforderung sämtlicher Stellen, die sich mit dieser sogenannten Integration, die eben keine ist, auseinandersetzen müssen. Die Frage ist nun: Wie kommen die verantwortlichen Stellen ohne Gesichtsverlust aus dieser Nummer wieder heraus? Es wäre ehrlich und notwendig zugleich, wenn man zugeben würde, dass man a) es versucht und b) sich geirrt habe.

 

Zum Autor:

Riccardo Bonfranchi ist promovierter Heilpädagoge, Ethiker, Supervisor in sozialpädagogischen Institutionen.

 

The post Schulische Integration auf dem Rückzug first appeared on Condorcet.

]]>
https://condorcet.ch/2019/06/schulische-integration-auf-dem-rueckzug/feed/ 3