28. Oktober 2020

Die Filière Bilingue in Biel: Eine staatlich finanzierte Privatschule

Immer wieder erwähnte Condorcet-Autor Alain Pichard die Filière Bilingue und geisselte sie als staatlich finanzierte Privatschule. Die Redaktion bat ihn, den Nichtbielern dieses merkwürdige Konstrukt vorzustellen und darzulegen, weshalb er sie kritisiert.

Alain Pichard. Lehrer Sekundarstufe 1, Orpund (BE): Die FiBi ist eine Abkehr vom Prinzip der Öffentlichen Schule.

Die Filière Bilingue, 2010 eingeführt, ist beliebt. Es gibt mehr Anmeldungen als Aufnahmen möglich sind.

Aber schon zu ihrem Beginn monierten kritische und linke Lehrkräfte, dass hier an den Grundfesten der öffentlichen Schule gerüttelt werde, nämlich, dass alle Kinder dieser Stadt das Recht erhalten, in eine gleiche Schule zu gehen. Die 36-jährige Kurdin S. erfuhr im Sommer vor zwei Jahren, dass dieses Prinzip in der linken Industriestadt schon jetzt nicht mehr gilt. Als nämlich die Mutter eines 7. Klässlers am ersten Elternabend in einem Oberstufenzentrum um sich blickte, fragte sie: „Hat es hier keine Schweizer?“ Und auf das beschämte Nicken der Klassenlehrkraft fügte sie hinzu: „Das ist nicht gut.“

Nun könnte man ja erwarten, dass die stille Verzweiflung dieser weisen Frau von den Parteien, die jeweils in Sonntagsreden und am 1. Mai am lautstärksten für ihre Chancen kämpfen, wahrgenommen würde. Dem ist aber nicht so.

Das Schicksal von Frau S., stellvertretend für die Tausenden von Migranten, welche in dieser Stadt leben, scheint die linken Bildungspolitiker nur in Verlautbarungen zu interessieren. Ist der Tatbeweis gefragt, gilt die alte Regel: Man liebt das Fremde, aber nicht die Fremden.

Hat es hier keine Schweizer? Das ist nicht gut.

Wenn man durch das Beaumontquartier in die Seevorstadt hinabsteigt und sich noch einen Spaziergang durch das Vingelzer Boomquartier am See gönnt, könnte man tatsächlich den Eindruck erhalten, dass Biel immer noch eine zweisprachige Stadt sei. Der Abstecher in die Aussenquartiere, durch die befahrenen Durchgangsstrassen, ein Einkauf in der Migros Madretsch oder der Besuch der Primarschule Bözingen belehrt einen eines Besseren. Biel ist eine multilinguale Stadt. In den Aussenquartieren ist der Prozentsatz der fremdsprachigen Kinder, die den Kindergarten und die Primarschule besuchen mittlerweile auf über 80% gestiegen, auf die ganze Stadt bezogen beträgt er 60%. Vermutungen gehen davon aus, dass der Anteil fremdsprachiger Kinder bei den unter Dreijährigen schon 75% beträgt.

Die FiBi ist im Beaumont-Quartier angesiedelt.

Die Filière Bilingue, im Stadtzentrum und im Einzugsquartier des Mittelstands beheimatet, hat sich indes eine Drittelquote zurechtgelegt. Die Klassen bestehen aus einem Drittel deutschsprachiger, einem Drittel französischsprechender und einem Drittel fremdsprachiger Kinder.

Pädagogisch lässt sich dieses Projekt jedenfalls nicht rechtfertigen und politisch schon gar nicht.

Michel Laffer, Sozialdemokrat und Lehrer am Oberstufenzentrum Mett-Bözingen, also eine Brennpunktschule in einem Aussenquartier, wohnt selber im Beaumontquartier.  Deshalb haben seine beiden Kinder, das Recht, diese Filière Bilingue besuchen zu  dürfen.

Michel Laffer: Kommt mal an einen Kindergeburtstag zu mir.

Über die Drittelquote schüttelt er den Kopf: „Wenn du die Zusammensetzung der fremdsprachigen Kinder in der Filière Bilingue mit denen in den Aussenquartieren vergleichst, dann erkennst du sofort, um was für einen Unsinn es sich hier handelt. Da musst du nur einen Kindergeburtstag bei mir erleben.“ Dieser grundsolide Sozialdemokrat hatte schon bei der Einführung der FiBi erkannt, dass hier zwei verschiedene Schulen geschaffen würden. Er formulierte daraufhin einen Protestbrief, der von 145 Lehrpersonen unterschrieben wurde. In seinem Antwortschreiben mahnte der damalige SP-Stadtpräsident und heutige Ständerat Hans Stöckli, dass man doch ein solch grossartiges Projekt mit einer derartigen Strahlkraft nicht gefährden solle. Damit offenbarte der Magistrat unfreiwillig, um was es bei der FiBi wirklich ging. Sie war ein Marketingprojekt einer gebeutelten Stadt, die dringend neue und gute Steuerzahler anlocken sollte. Die Rechnung ging durchaus auf. So erhält der Autor dieser Zeilen immer mal wieder Telefonanrufe von Leuten, die nach Biel zügeln wollen und sich bei ihm erkundigen, in welcher Gegend der Stadt sie ihr Zelt aufschlage sollen, damit ihr Kind nicht in ein Aussenquartier sondern in die FiBi kommt.

Bildungsdirektor Cédric Némitz: Entweder alle oder gar nicht.

Pädagogisch lässt sich dieses Projekt jedenfalls nicht rechtfertigen und politisch schon gar nicht. Biel hat kein grosses Problem mit dem Spracherwerb der jeweiligen anderen Landessprache. Die deutschsprachigen Schülerinnen und Schüler dieser Stadt sprechen besser Französisch als der Rest der Schweiz. Aber Biel hat ein anderes gravierendes Problem: Über 20% der Bieler SchülerInnen können nach neun Schuljahren die eine oder andere Landessprache nicht lesen und schreiben.

Die Folgen sind bekannt: hohe Arbeitslosenraten, die höchste Sozialquote der Schweiz, jeder fünfte Jugendliche lebt von der Fürsorge.

Zu Beginn seiner Amtszeit (2012) lud mich der frischgewählte und überzeugte linke Schuldirektor Némitz zum Mittagessen ein. Er war sich damals des Dilemmas völlig bewusst. Mit dem Satz: «Entweder wird die Filière Bilingue für alle eingeführt oder sie muss beendet werden», entliess er mich. Acht Jahre später tritt er nicht mehr zu den Wahlen an. Die FiBi ist immer noch im Zentrum angesiedelt und mittlerweile auf die Oberstufe ausgedehnt worden.

Das ist das Prinzip unserer öffentlichen Schule. Mit der Filière Bilingue verabschiedet man sich von diesem Prinzip.

Grundsätzlich wäre eine Ausdehnung der zweisprachigen Schule auch kaum sinnvoll. Denn Biel ist längst keine zweisprachige Stadt mehr, nur mehr nominell. Die Kinder unserer fremdsprachigen MitbürgerInnen sind sogar auf ganz Biel bezogen in der Mehrheit und vollbringen bereit jetzt eine grosse Anpassungsleistung. Das Ziel muss hier sein, dass sie mindestens eine der beiden Amtssprachen mündlich und schriftlich beherrschen.

Migranten: kraftvoll und lernbegierig.

An dem Grunddilemma hat sich nichts geändert: Die Kinder in der „Filière Bilingue haben viel weniger und vor allem andere Kinder mit Migrationshintergrund in ihrer Klasse als in den Aussenquartieren, erhalten pro Kopf mehr Mittel und müssen keine Kinder aus den Kleinklassen oder aus fernen Ländern mit null Sprachkenntnissen integrieren.

Mit anderen Worten: Hier werden für den Mittelstand privilegierte Schuleinheiten geschaffen! Und die Restschulproblematik wird erhöht.

Aber die Kinder unserer ausländischen Mitbürger sind nun einmal da. Viele von ihnen haben mangelnde Sprachkenntnisse, kommen nicht selten aus bildungsfernen Schichten, aber sie sind wissensdurstig und voller Kraft. Wir dürfen sie nicht in Ghettoschulen abschieben, in die Schulen der Aussenquartiere, welche immer mehr die ganze Last der Integration zu tragen haben. Wir müssen ihnen faire Bildungschancen geben. Das ist das Prinzip unserer öffentlichen Schule. Mit der Filière Bilingue verabschiedet man sich von diesem Prinzip.

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